Börsenfusion – dritter Anlauf. Wieder wagt die Deutsche Börse den Versuch, die Londoner Börse zu übernehmen. Zweimal scheiterte sie bereits am Widerstand der Aktionäre. Mal traten die Deutschen zu ruppig auf, mal war das Geld zu wenig.

Noch ist kein Kaufpreis bekannt, doch diesmal stehen die Chancen für einen Zusammenschluss gut. Denn um die Briten wird mit einem Pfund gewuchert: der Verlegung des Sitzes der gemeinsamen Börse von Frankfurt nach London. Das „Zentralorgan“ des Finanzplatzes London, die Financial Times, verbindet es mit der direkten Aufforderung „Do the deal“.

Der gerade ins Amt gekommene Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, versichert zeitgleich, er werde den deutschen Finanzplatz keinesfalls unter Wert verkaufen. Mit Kengeter ist nach dem hemdsärmeligen Werner Seifert und dem jovialen Schweizer Reto Francioni nun der Typ Investmentbanker am Ruder. Er lebte selbst lange in London – und nein, der Zusammenschluss hätte keine negativen Konsequenzen für den Finanzplatz Deutschland, versichert er. Im Gegenteil: Kosten könnten gespart werden, Firmen bekämen endlich Zugang zu einem liquideren Kapitalmarkt, als ob der deutsche Mittelstand und die kleine, aber feine Start-up-Gründerszene in Berlin nur darauf gewartet hätten.

Das von Kengeter ins Feld geführte Argument, die Fusion könne ein Signal gegen den drohenden Brexit sein, aber schlägt dem Fass den Boden aus. Nach dem Motto, wir geben euch unsere Börse, dann bleibt ihr in der EU. Sorry, bullshit!

Kengeters Wort vom „verkaufen“ trifft den Punkt. Keine Großfusion der vergangenen Jahre, in der der Sitz eines Unternehmens außerhalb Deutschlands verlegt wurde, hat den Deutschen Mehrwert gebracht. Im Gegenteil: Es hatte stets Bedeutungsverlust und Arbeitsplatzabbau zur Folge. Der „Verkauf“ des Pharmakonzerns Höchst an die französische Rhône-Poulenc, aus dem Aventis entstand, war das erschreckendste Beispiel. Obwohl Höchst der schlagkräftigere Partner war, ist Deutschland davon nichts geblieben. Noch heute trauern viele dem Verlust nach, auch Politiker.

An denen liegt es nun, den geplanten Börsen-Zusammenschluss genau zu beobachten und – wenn nötig – ein Machtwort zu sprechen. Denn von den Aktionären wird diesmal kaum Widerstand kommen: Der Deal wird über einen Aktientausch abgewickelt, die „Prämie“ dürfte hoch ausfallen.

Noch sind nicht alle Details bekannt, die Chefposten aber sind schon genauestens verteilt. Allein diese Tatsache sollte jeden klar denkenden Menschen alarmieren. Wandert der Börsensitz nach London, würden in Zukunft britisches Recht und britische Gepflogenheiten gelten. Heißt: Finanzkapitalismus 4.0. Wer will das? „Stop the deal!“ Nur die EU-Kommission kann dies noch tun.