GORLEBEN - Zersplitterte Scheiben zeugen von der Wut der Atomkraftgegner. Die Fenster am Infohäuschen neben dem Salzstock Gorleben sind bereits im Frühjahr zerborsten, aber die Polizei war auch am Donnerstag auf Proteste eingestellt – zu Recht. Ein bunter Haufen von rund 300 Atomkraftgegnern versperrte die Zufahrt zum Bergwerk. Aber am Ende blieb alles friedlich.

Hinter hohen Mauern mit wuchtigen Stacheldraht-Rollen nahm der aus Berlin angereiste Bundestags-Untersuchungsausschuss das mögliche Atomendlager Gorleben in Augenschein. Unter Tage begutachteten die Abgeordneten den Salzstock, über Tage brachen Jahrzehnte alte Gräben wieder auf.

„Atomkonzerne enteignen, Schwarz/Gelb entsorgen“, stand auf einem Transparent der Atomkraftgegner. „Eigentlich sollte ich anfangen, Bananen anzubauen, weil das hier eine Bananenrepublik ist“, spottet Helmut Behling von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Viele Menschen im Wendland sind einfach nur wütend, gerade jetzt: Denn im Oktober will die schwarz-gelbe Bundesregierung den Salzstock wieder auf seine Eignung als Atomendlager untersuchen lassen.

Etliche der Demonstranten sind von Anfang an dabei. Der Konflikt um Gorleben schwelt schon seit mehr als 30 Jahren. Auch der im April eingesetzte Untersuchungsausschuss soll sich der Vergangenheit widmen: Es geht um die Frage, ob die Entscheidung für den Standort Gorleben politisch beeinflusst war und ob sich die Kohl-Regierung 1983 über fachliche Bedenken hinwegsetzte. Neue Antworten fanden die Abgeordneten durch die Fahrt in den Salzstock nicht wirklich.

Dafür prallten die politischen Lager aufeinander. „Was in Gorleben passiert, ist keine Erkundung, das ist die größte politische Lüge, die derzeit in der politischen Landschaft herumgeistert“, schimpfte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin in der fernen Bundeshauptstadt. Die Oppositions-Abgeordneten, die im Untersuchungsausschuss mitarbeiten, wetterten: „„Schwarz/Gelb regiert gegen das eigene Volk.“ Sie forderten eine neue Suche nach einem Endlager in ganz Deutschland.

Der CDU-Sprecher im Gorleben-Ausschuss, Reinhard Grindel, und auch seine FDP-Kollegen warfen Trittin vor, er habe in seiner Zeit als Umweltminister die Hände in den Schoß gelegt. Für Schwarz/Gelb ist es genau der richtige Weg, das Bergwerk wieder untersuchen zu lassen. So will es auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Die Bergleute in der Grube bereiten derweil ihre Maschinen auf die wieder anlaufenden Arbeiten vor, zusätzliche Spezialisten werden gesucht.

Kopfzerbrechen bereiten Experten die tief unten gefundenen Kohlenwasserstoffe – hinter dem Begriff verbirgt sich außer Erdöl möglicherweise explosives Erdgas. „Man weiß nicht, wie viel dort vorkommt“, sagte die CDU-Politikerin Maria Flachsbarth. Vordringliche Aufgabe der Fachleute sei es nun, das herauszufinden.