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NWZonline.de Nachrichten Politik

Großoffensive an allen Fronten

25.09.2015

Wer in den 90er Jahren in Syrien unterwegs war, konnte sie sehen: Zerlumpte russische Soldaten in alten Jeeps, die im Basar von Aleppo Privatgeschäften nachgingen. Das war zu Zeiten Boris Jelzins, in denen das russische Militär verkam und auch die Marinebasis im syrischen Tartus nur von einer Handvoll Soldaten besetzt war. Diese Zeiten sind vorbei. Heute ist Syrien zu einem zentralen Punkt russischer Geo- und Militärpolitik geworden, und das hat mehr als einen Grund.

Die durch den syrischen Bürgerkrieg ausgelöste Flüchtlingskrise betrifft Russland so gut wie nicht. Die Ursache dieser Völkerwanderung – der Aufstieg des Islamischen Staates (IS) sowie weiterer radikal-islamischer Milizen – jedoch um so mehr.

Furcht vor Islamismus

Zum einen leben innerhalb der russischen Föderation zwischen zehn und 16 Millionen Muslime, unter denen es erhebliches Potenzial für Radikalisierung gibt. Das gilt insbesondere für die Kaukasus-Region. Jüngst veröffentlichte Zahlen des Inlandsgeheimdienstes FSB machen dieses innenpolitische Problem deutlich: Danach kämpfen mehr als 2400 russische Staatsbürger aufseiten des IS in Syrien und dem Irak.

Zum anderen ist Syrien Russlands letzte Bastion im Mittelmeerraum. Fällt das Regime unter Baschar al-Assad, würde diese ganz sicher verloren gehen. Für Präsident Wladimir Putin, der am Comeback seines Landes als Weltmacht arbeitet, wäre das ein empfindlicher Rückschlag.

Angesichts des syrischen Bürgerkrieges wurde der kleine Stützpunkt in Tartus für Russland also zu einer Art Einfallstor, durch das sich verschiedene geopolitische Zielstellungen in der Region verwirklichen lassen können.

Zudem hat das offenkundige Scheitern der Amerikaner bei der Bekämpfung des IS für Moskau ein Zeitfenster für den ungehinderten Aufbau eigener militärischer Machtmittel in Syrien geöffnet. Die Luftangriffe der westlichen Anti-IS-Allianz vermochten nicht, die Islamisten wesentlich zurückzuwerfen. Zu einer noch viel größeren Pleite wurde das Ausbildungsprogramm. Jährlich sollten 5400 einheimische Kämpfer trainiert werden. Von der ersten Gruppe, die aus 54 Absolventen bestand, sind jetzt noch vier Mann aktiv. Der Rest wurde von Kämpfern der Al-Nusra-Front getötet oder lief einfach davon.

Strategische Hilfe

Unterdessen hat die russische Armee ein regelrechtes Expeditionskorps nach Syrien verlegt. Das Fachmagazin „IHS Jane’s“ veröffentlichte am Dienstag Satelliten-Aufnahmen eines südlich von Latakia gelegenen Flughafens. Darauf sind zwölf SU-24 Jagdbomber, zwölf SU-25 Erdkampfbomber, vier SU-30 Mehrzweckjäger sowie rund ein Dutzend Kampfhubschrauber zu erkennen. Amerikanische Analysten gehen angesichts der Zusammensetzung der Luftflotte davon aus, dass sie vor allem die gepanzerten IS- und Al-Nusra-Verbände angreifen sowie der syrischen Regierungsarmee Luftunterstützung geben soll.

Moskau dementiert bisher, mit Bodentruppen in Syrien aktiv zu sein. Das allerdings ist nicht glaubwürdig, da der russische Generalstab sehr wohl weiß, dass mit Luftschlägen allein kein Krieg zu gewinnen ist. Am Donnerstag meldeten dann auch israelische Militäranalysten der Debka-Gruppe unter Berufung auf nicht näher genannte Geheimdienstkreise, dass erstmals russische Bodentruppen der Marine-Brigade 810 in Kämpfe um Aleppo eingegriffen hätten. Bereits eine Woche zuvor seien russische Kommando- und Funkleitfahrzeuge vom Typ R-166-0,5 in Gefechten an der Straße zwischen Homs und Aleppo gesichtet worden.

Ebenfalls bereits seit einer Woche scheint die russische Aufklärung die Regierungsarmee massiv zu unterstützen. Darauf deuten Nachrichten von Regime-Offizieren im Nachrichtendienst Twitter hin. Im Kampf um Palmyra hätten es russische Satellitenaufnahmen der Armee ermöglicht, bis auf wenige Kilometer an das Zentrum heranzukommen, hieß es dort.

Der russische Aufmarsch wird dabei von Moskau geschickt diplomatisch abgesichert. Es ist kein Zufall, dass der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gemeinsam mit Präsident Wladimir Putin am Mittwoch in Moskau die neue Zentralmoschee eröffnete. Ganz sicher wurde nicht über Architektur gesprochen, ist doch die Türkei durch ihre Unterstützung der islamistischen Milizen ein wesentlicher Faktor im syrischen Bürgerkrieg.

Diplomatische Offensive

Eine weitere interessierte Macht ist Israel, das durch die Aufrüstung Assads Gefahren für seine Sicherheit befürchtet. Der Besuch des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu führte am Montag zu einer Interessenabgrenzung. Moskau sicherte offenbar zu, dass keine Angriffe der Assad-Armee auf israelisches Gebiet stattfinden würden, dafür solle Israel davon absehen, die russischen Operationen zu behindern.

Die Oberkommandos der beiden Armeen richteten einen Heißen Draht ein, der verhindern soll, dass Truppen der beiden Mächte aufeinander schießen. Auch von der Koordination einzelner Aktionen zur See und in der Luft ist hinter vorgehaltener Hand die Rede – ja, verschiedene höherrangige Mitarbeiter des israelischen Sicherheitsapparates spekulierten in dieser Woche sogar darüber, dass es besser sein könnte, Assad an der Macht zu belassen, wenn dadurch Stabilität jenseits der Grenze einzöge.

Erste Erfolge

Der Aufmarsch Russlands und die diplomatische Offensive des Kremls, die auch das Angebot an den Westen umfasst, ein breites Anti-IS-Bündnis einzugehen, zeigte in den vergangenen Wochen Wirkung. Am Sonnabend gab US-Außenminister John Kerry den amerikanischen Widerstand gegen das russische Engagement in Syrien auf und kündigte Konsultationen darüber mit Moskau an. Darüber hinaus brach er mit einem lange vertretenen Standpunkt Washingtons und besteht nun nicht mehr auf der sofortigen Abdankung Assads.

Was auch immer russische Truppen auf dem Schlachtfeld erreichen, eines ist sicher: Russland hat durch seine Initiativen die Dinge in der Syrienkrise nach Jahren des Stillstandes wieder in Bewegung gebracht. Und das ist an sich schon bemerkenswert.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Politikredaktion
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