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NWZonline.de Nachrichten Politik

Trumps Mauer in den Köpfen

12.02.2019

Hachita Ein Ort mit Zukunft, das ist Hachita zweifelsfrei nicht. Auch dass der Kaffee, den der 70-jährige Mike Sims im „Country Store“ an der menschenleeren Hauptstraße brüht, seit Jahren nur schlappe 75 Cents kostet, konnte den Niedergang des letzten Städtchens vor der Grenze in der südwestlichen Ecke des US-Bundesstaates New Mexico nicht aufhalten.

Als die Kupfer- und Silberminen um Hachita 1930 noch auf Hochtouren produzierten, lebten bis zu 20 000 Menschen hier. Heute sind es, glaubt man der letzten amtlichen Zählung, gerade noch 48 Bürger. Die Kirche, alle Fenster zerborsten, ist mit Sperrholzplatten ebenso verrammelt wie der verstaubende Saloon. Und doch übt der morbide wirkende Ort, der durchaus die Kulisse für einen Hollywood-Western abgeben könnte, Anziehungskraft aus: Für Migranten aus Mexiko und Südamerika, die es unentdeckt über die südlich von Hachita liegende Grenze schaffen, ist es oft der erste Stopp.

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Einer von ihnen klopfte kürzlich in der Nacht am Haus von Karin Stephens, die vor zwei Jahren in den Ort zog, um ihre Mutter zu pflegen. Der Mann fragte in gebrochenem Englisch nach Wasser, und die Mutter brachte ihm eine Flasche, die stets griffbereite Pistole in der anderen Hand. „Wir wissen ja nicht, mit wem wir es zu tun haben,“ sagt Stephens, die in einer anderen Nacht Geräusche hörte und fünf Migranten überraschte, als sie in ihrem Garten sitzend aus einem Schlauch tranken.

Und deshalb gehört Karin Stephens zu jenen US-Bürgern, die dem Ruf von Präsident Donald Trump nach einer Mauer zustimmen. Stephens hat für die wenigen Bewohner von Hachita sogar eine Facebook-Seite eingerichtet, auf der sich die Menschen gegenseitig warnen können, wenn Unbekannte gesichtet werden. Denn der Ort ist so abgelegen, dass die nächste Sheriff-Station über zwei Fahrstunden entfernt ist. Deshalb hat Stephens auch die Nummer der näheren Grenzpolizei gespeichert, die im Notfall aushelfen soll.

Doch ist der Wunsch Trumps, den größten Teil der Südgrenze zu Mexiko mit Sperren aus Beton oder Stahl zu sichern, wirklich berechtigt – oder nur, wie es Mike Sims und das Gros der US-Demokraten sehen, der Versuch, aus politischem Kalkül Furcht zu schüren? „Wir leben doch nicht in einer Kriegszone“, sagt Sims, der sich daran erinnert, dass der letzte Mord in der Stadt im Jahr 1986 geschah.

Die Ansichten über einen Mauerbau sind in Hachita so gespalten wie in Washington – obwohl die Ereignisse der letzten Monate den nahen Grenzübergang Antelope Wells stark ins Rampenlicht gerückt haben. Dort ist die Grenze bisher lediglich mit niedrigen Stahlsperren in Form eines „X“ gesichert – und auch nur eine kurze Strecke vom Übergang wegführend. Das macht es offenbar für Migranten aus Süd- und Mittelamerika leicht, entweder illegal die USA zu betreten – oder bei den Grenzbeamten einen Asylantrag zu stellen.

In der vergangen Woche ergab sich eine Gruppe von rund 300 Migranten, darunter auch Frauen und Kinder, an der Grenzstation. Sie alle waren, wie zuvor andere Gruppen, offenbar tagelang durch die unwirtliche raue Steppe marschiert, um dann einen Asylantrag zu stellen. Viele von ihnen waren entkräftet und litten unter Wassermangel.

Dass sie den beschwerlichen und gefährlichen Weg nach Antelope Wells auf sich nahmen, liegt auch an der Migranten-Politik des Präsidenten. Die US-Regierung hat die Zahl der Asylbewerber, die täglich an einem der großen Grenzübergänge einen Antrag stellen dürfen, limitiert. Gleichzeitig wurden sogar Beamte vor beliebten Übergängen stationiert, um Migranten zurückzuschicken und damit eine legale Antragstellung zu verhindern. Deshalb vertrauen sich derzeit viele von ihnen für vierstellige Summen Schleusern an, um sich zu kleinen entlegenen Grenzstationen bringen zu lassen. In der Hoffnung, dass ihre Anträge schnell bearbeitet werden und sie in den USA bleiben dürfen. Und dass sie nicht, wie es mittlerweile am stark frequentierten Übergang San Ysidro nahe San Diego (Kalifornien) geschieht, sogar in Mexiko nach dem Asylantrag abwarten müssen.

Während Donald Trump gern von einer „Krise“ an der Grenze spricht, sehen es Kritiker heute als eigentliche Krise an, dass Migranten nun gezwungen werden, sich hohen Risiken auszusetzen – vor allem Frauen und Kinder. Antelope Wells war auch der Übergang, an dem im Dezember letzten Jahres die siebenjährige Jakelin Maquin aus Guatemala mit ihrem Vater in die USA gekommen war. Sie starb wenige Tage später in einem Krankenhaus an Organversagen durch Wassermangel und Fieber.

Die Bundesstraße 9, die von Hachita ins 45 Kilometer entfernte Columbus führt, läuft streckenweise parallel zur nur wenige Hundert Meter entfernten Grenze. Weil hier zum größten Teil ein schlichter Maschendrahtzaun die Barriere bildet, rasen Grenzschützer mit geländegängigen Allrad-Fahrzeugen auf Sandpisten auf und ab, um illegale Grenzgänger aufzuspüren. Auch hier will der Präsident die Mauer bauen, sei es aus Beton oder Stahl.

Doch die Zahl der Migranten, die es auf diesem auch durch Drohnen gut bewachten Abschnitt versuchen würden, sei gering, sagt Grenzschutz-Polizist Rodrigo Lemus. In Columbus, das ebenfalls einen Übergang zu Mexiko besitzt, zeigt er dem Reporter dann, wie sich politische Kontroversen auf die Realität auswirken können. Auf gut fünf Kilometern steht hier – westlich und östlich von der Kontrollstelle – ein Bollwerk aus wuchtigen rostbraunen einbetonierten Stahlträgern. Die Abstände sind nur handbreit. Niemand ist in der Lage, sich hier durchzuwinden oder sie zu überklettern.

Auf der anderen Seite der Sperre, in der mexikanischen Stadt Puerto Palomas, sieht man spielende Kinder, Hausfrauen in Vorgärten und Autofahrer, die gelegentlich den Grenzschützern zuwinken. Dann endet die monströse Stahlkonstruktion abrupt. Aus dem unüberwindbaren Bauwerk wird ein kniehoher Zaun, den – wie es Grenzschützer Lemus beschreibt – „schon Dreijährige überspringen können“. Selbst mit selbstgebauten Rampen und Fahrzeugen hätten es, möglichst weit entfernt von der Grenzstation, hier Schleuser und Drogenschmuggler schon versucht.

Vor fünf Jahren, ausgerechnet unter Trumps Vorgänger Barack Obama, hatte man die Stahlsperre begonnen, die später dann Budgetproblemen zum Opfer fiel. Die Unvollendete wirkt, angesichts des derzeit erbitterten Widerstandes der Demokraten gegen neue wirksame Grenzsperren, wie Ironie.

Den Status quo belassen? Oder weiterbauen? Für Mike Sims ist jeder Dollar für eine neue Mauer jedenfalls zuviel ausgegeben. „Eigentlich sind wir sehr sicher in dieser Gegend,“ sagt er. Und: „Schmuggler und Verzweifelte werden irgendwie immer einen Weg in die USA finden.“

Friedemann Diederichs Korrespondentenbüro Washington
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