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NWZonline.de Nachrichten Politik

Gastbeitrag: Fremde oder Freunde?

08.06.2020

Hamburg Wie viele Brücken will US-Präsident Donald Trump eigentlich noch einreißen? Jahrzehntelang wusste die große Mehrheit der Deutschen die transatlantische Freundschaft zu schätzen. Nun aber sind nicht nur amerika-kritische, sondern auch anti-amerikanische Stimmen quer durch alle Schichten auf dem Vormarsch. Fast jeder zehnte Deutsche denkt nach einer repräsentativen Umfrage abfällig über die Vereinigten Staaten.

Kein Wunder, möchte man beim Blick über den großen Teich sagen. Die Bilder und Nachrichten aus den USA sind verstörend – nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis, festgehalten in einem schockierenden Video. Die einstige Führungsmacht der Welt scheint von allen guten Geistern verlassen zu sein. Voran deren Präsident: ichbezogen, ignorant, oberflächlich. Ein Geschäftemacher, der Öl ins Feuer gießt, der mit Lügen Politik macht und mit seinen selbstherrlichen Inszenierungen vor nichts zurückschreckt.

Verhältnis abgekühlt

Vorbei sind die Zeiten, da die Westdeutschen zu den USA als verlässlichem Anführer des Westens aufschauten. Bündnisse, Freundschaften oder die gemeinsamen Werte scheinen für Donald Trump nur noch zu zählen, wenn sie ihm als Dealmaker Vorteile versprechen. Wen wundert es da, dass die USA bei den Deutschen nicht mehr hoch im Kurs stehen und das transatlantische Verhältnis abgekühlt ist?

Wie sehr die Stimmung in Deutschland gekippt ist, zeigte eine Umfrage des amerikanischen Pew Research Centers in verschiedenen Ländern. Nur 39 Prozent der Deutschen äußerten sich darin positiv über die USA. So kritisch wurde der transatlantische Partner in keinem anderen europäischen Staat gesehen.

Noch nachdenklicher stimmt eine Erhebung des britischen Meinungsforschungsinstituts YouGov. Danach sehen 41 Prozent der befragten Bundesbürger in Donald Trump eine größere Gefahr für den Weltfrieden als in Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un.

Kommt hier ein tiefer verwurzelter Antiamerikanismus zum Vorschein? Oder fallen Enttäuschung, Empörung und Kritik nur deshalb so stark aus, weil die Mehrzahl der Deutschen in den Vereinigten Staaten eben mehr sah als nur einen Bündnispartner? Das transatlantische Verhältnis ging tiefer. Es war eine Freundschaft, von der die Bundesrepublik kräftig profitierte, angefangen beim Marshall-Plan, als Deutschland in Trümmern lag. Im Kalten Krieg verteidigten die USA im geteilten Deutschland Frieden und Freiheit. Und bis heute sind die Vereinigten Staaten der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Warenexporte.

Amerika-Bild korrigiert

Die deutschen Beziehungen zu den USA haben so nicht nur einen ideellen Kern, weil beide Länder die gemeinsamen Werte von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Liberalität teilen. Sie sind eine wichtige Stütze für Arbeitsplätze und Wohlstand. Die Enttäuschung über den amerikanischen Präsidenten und seine Politik des „America first“ ist auch deshalb so groß, weil viele Deutsche spätestens seit Donald Trump ihr vielfach überhöhtes Amerika-Bild korrigieren müssen. Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der – wenn er nur fleißig ist – zum Millionär aufsteigen kann, war nur ein Märchen. Rassismus, die ungerechte Verteilung von Wohlstand und Aufstiegschancen in der Gesellschaft, die Polizeigewalt, ein in der Corona-Krise völlig überfordertes Gesundheitssystem sind die Wirklichkeit.

Doch sollten sich die Deutschen vor Überheblichkeit hüten. Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten und rechtsextremistische Unterströmungen gibt es auch in Deutschland, ebenso Hass auf Eliten und das Verächtlichmachen demokratischer Institutionen. Man denke an die NSU-Morde, an Ausschreitungen vor Flüchtlingsunterkünften, an populistische Scharfmacher. Vergessen werden darf überdies beim Blick auf Amerika nicht die andere Seite der USA mit ihren Bürgerrechtsbewegungen, der starken Zivilgesellschaft, den politischen Gegengewichten zu Trump.

Vorurteile sind Gift

Kritik unter Freunden muss möglich sein. Das schwächt die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht, sondern stärkt sie langfristig. Denn Offenheit und Ehrlichkeit sind Grundlage einer stabilen Partnerschaft. Gift sind dagegen Vorurteile, die den Antiamerikanismus befeuern. Jetzt liegt es an Deutschland, als Gegenmodell zu Donald Trumps „America first“ die transatlantische Brücke neu zu beleben. Dabei helfen die Erfahrungen, die gerade junge Deutsche als Austauschschüler und -studenten in den USA gemacht haben.

Das einzig Gute an den wachsenden amerikanischen Ressentiments: Sie machen sich alle an der Person Donald Trumps fest. Der aber steht in sechs Monaten zur Wahl. Und selbst, wenn er wiedergewählt werden sollte, dürfte das Fundament der deutsch-amerikanischen Brücke stark genug sein, um auch die zweite Amtsperiode dieses Präsidenten zu überstehen.

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