Hannover/Kiew - Bis zum Jahr 2030 muss laut Vereinbarung zwischen Land, Bauernschaft und Naturschutzverbänden die Bio-Produktion in der niedersächsischen Landwirtschaft auf 30 Prozent erhöht werden. Die Öko-Betriebe haben bislang große Teile ihres Bio-Futters aus der Ukraine bezogen. Wie wirkt sich der Krieg auf die Branche nun aus?
Der Ökolandbau in Niedersachsen ist 2020 so stark gewachsen wie in keinem anderen Bundesland. Mit 11,5 Prozent hat Niedersachsen sich wieder deutlich besser entwickelt als der Bundesdurchschnitt, der bei 5,5 Prozent Flächenzuwachs lag, berichtet das Kompetenzzentrum Ökolandbau in Visselhövede.
Die 2253 Öko-Betriebe in Niedersachsen bewirtschaften durchschnittlich 60 Hektar. Das sind 15 Hektar weniger als der Durchschnitt bei den knapp 35 000 landwirtschaftlichen Betrieben in Niedersachsen insgesamt. Als „flächenarm“ gelten die Bio-Betriebe im Westen des Landes. Mit im Durchschnitt weniger als 20 Hektar besonders klein sind sie in den Landkreisen Cloppenburg, Emsland und der Grafschaft Bentheim. Überwiegend sind es Bio-Geflügelbetriebe, -Gemüsegärtnereien und -Pilzfarmen.
In der Region Weser-Ems liegen nur 20 Prozent der niedersächsischen Öko-Flächen. Hier leben 75 Prozent der 2,5 Millionen Bio-Hühner, aber nur 30 Prozent der Bio-Schweine im Land.
Hier einige Antworten.
Welche Bedeutung haben Bio-Futtermittel ?
In der ökologischen Tierhaltung gelten hinsichtlich der Fütterung der Tiere besondere Anforderungen, so eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums in Hannover. Mit den der neuen EU-Öko-Verordnung wurden ab 2022 die Mindestanteile an betriebseigenem und regional erzeugtem Futter nochmals heraufgesetzt: etwa bei Schweinen und Geflügel von 20 auf 30 Prozent. Bei „Bioland“ spielen laut Verbandssprecher Gerald Wehde Futtergetreide und Mais auf der Ukraine keine Rolle. Allerdings werden in der Ukraine rund 80 Prozent der europäischen Bio-Sonnenblumen produziert. „Deutschland importiert aus dem Land zusätzlich noch Raps- und Rübensamen sowie auch Roggen in größeren Mengen“, sagt Wolfgang Ehrecke von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK). Verschiedene Händler gehen davon aus, dass proteinhaltige ökologische Futterkomponenten wie Sonnenblumen und Sojabohnen in der EU knapp werden. Ein besonderer Engpass wird bei Hochkonzentraten wie Sojapresskuchen befürchtet. Der Ersatz durch beispielsweise heimische Erbsen decke den Bedarf der Monogastrier (Tiere mit einem Magen, z.B. Schweine) nur unzureichend, heißt es bei der Kammer.
Dürfen Biolandwirte auch „normales“ Futter nutzen ?
Über eine zeitlich begrenzte Erlaubnis zum Einsatz konventioneller Futtermittel wird auf EU-Ebene entschieden. Die rechtlichen Hürden seien aber hoch. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) setzt sich in Abstimmung mit dem Bund dafür ein, dass zur Überwindung der bestehenden Versorgungsschwierigkeiten mit Bio-Eiweißfuttermitteln wieder die bisherige alte Öko-Regelung angewendet werden darf, wonach im Biofutter wieder ein bestimmter Anteil konventionell erzeugter Eiweißträger zulässig wird. „Bioland“ will laut Wehde bei 100 Prozent Bio-Fütterung bleiben.
Fehlen auch Pflanzen und Setzlinge aus der Ukraine ?
Das ist der Landwirtschaftskammer nicht bekannt. Problematischer sei die Versorungslage bei Bio-Eiweißfuttermitteln, da zum Beispiel rund 14 Prozent der Einfuhren von Bio-Sonnenblumenkernen aus der Ukraine kommen.
Was ist mit Hafer oder Soja für die Lebensmittelproduktion ?
„Die Versorgung mit Hafer ist aus heimischer und westeuropäischer Produktion auf jeden Fall gesichert“, sagt LWK-Sprecher Ehrecke. Beim Speisesoja, das in großen Mengen aus der Ukraine importiert wird, komme es sicher zu einem knappen Angebot. Aufgrund der Krise herrsche „eine erhebliche Unsicherheit“ auf den Märkten, betont das Landwirtschaftsministerium. Die Preise bei konventionell erzeugtem Getreide seien auf ein noch nie dagewesenes Preisniveau (400 Euro pro Tonne) gestiegen. Das werde sich auch auf die Bio-Preise auswirken. „Bioland“ betont, es verwende keine Rohstoffe wie Hafer oder Soja aus der Ukraine zur Produktion von Bio-Lebensmitteln.
Haben Bio-Bäcker noch ausreichend Öko-Mehl ?
„Tatsächlich haben Bio-Getreideimporte einen abnehmenden Trend“, sagt Natascha Manski, Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums. In 2019 wurden in Deutschland fast eine Million Tonnen Bio-Getreide geerntet – so viel wie noch nie. Die Erntemenge wuchs um rund 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Bio-Getreideimporte sind 2018/19 das zweite Jahr in Folge gesunken. Der Importanteil aller Getreidearten betrug nur noch 17 Prozent, 2016/17 lag er noch bei 26 Prozent. „Verarbeiter bevorzugen eindeutig inländische und EU-Ware“, betont Manski weiter.
