Hannover - Erst fühlte es sich wie verlängerte Ferien an, doch mittlerweile kommen viele Familien an ihre Belastungsgrenze: Die Corona-Pandemie zerstört den eingespielten Alltag. Mindestens bis zum 3. Mai bleiben die Kontaktbeschränkungen bestehen.

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit, wie es weitergeht“, sagt die Mutter von Jonte (3) und Frida (1) aus der Region Hannover. Mit ihrem Mann, der einen Handwerksbetrieb hat, arbeitet sie im Moment von zu Hause aus – so weit dies mit zwei kleinen Kindern überhaupt möglich ist.

„Wann ist der blöde Husten endlich vorbei?“, fragen ihre Kinder, wenn sie an abgesperrten Spielplätzen vorbeikommen. Laut Statistischem Bundesamt sind bei mehr als 2,2 Millionen Kindern bis 16 Jahren in Deutschland beide Eltern oder das alleinerziehende Elternteil in Vollzeit beschäftigt. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeitet laut der Mannheimer Corona-Studie immer noch an ihrer bisherigen Arbeitsstätte und nicht zu Hause. 25 Prozent sind im Homeoffice, vor allem Gutverdienende. „Die Wirtschaft kann nur funktionieren, wenn Eltern entlastet werden“, kritisiert die Soziologin Katja Möhring, eine Autorin der Studie.

Wie gut eine Familie die Krise bewältigt, hängt maßgeblich davon ab, dass die Beziehungen der Mitglieder intakt sind. Wer beengt wohnt, sei besonders gefordert, sagt der Kinderpsychiater Burkhard Neuhaus. „Große Enge kann sozialen Druck erzeugen.“ Die vom Bundesfamilienministerium geförderte Hotline „Nummer gegen Kummer“ für Kinder, Jugendliche (Tel.: 116111) und Eltern (Tel.: 0800/111 0550) hat ihre Sprechzeiten von zwei auf bis zu acht Stunden täglich erhöht. Überwiegend rufen Mütter an. Es gebe 22 Prozent mehr Anfragen, sagt Fachreferentin Christina Wiciok. Der persönliche Austausch zum Beispiel in Krabbelgruppen fehle. „Viele sagen: ,Ich kann nicht mehr, ich schreie mein Kind nur noch an!‘“

Neuhaus hat mit zwei Kolleginnen am Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover einen Eltern-Ratgeber geschrieben. Festgehalten werden sollen demnach Aufwach- und Schlafzeiten, regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, Lernzeiten für die Kinder beziehungsweise Homeoffice oder Hausarbeit-Zeiten für die Erwachsenen.

Jetzt räche sich zudem, dass jahrzehntelang die Digitalisierung an den Schulen verschlafen worden sei. Eltern bleibe nichts anderes übrig, als im Punkt Schule die Ansprüche herunterzufahren, meint Chefarzt Neuhaus. Er rät, mit den Kindern möglichst oft in den Park oder in den Wald zu gehen, zu radeln oder zu joggen. „Bewegung und Licht wirken antidepressiv.“ Eltern sollten darauf achten, dass es ihnen trotz der Pandemie selbst gut geht: „Sich völlig zu verausgaben, ist nicht die Lösung.“