Hannover - Die Kameras laufen noch bei der Liveübertragung des Festgottesdienstes zum 500. Reformationsjubiläum in Wittenberg, als Margot Käßmann sich des Talars entledigt. Das schnelle Ablegen des Talars wirkt dennoch wie ein vorweggenommener Abschied von ihrer Kirche, der spätestens jetzt deutlich greifbar wird.
Als Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war sie zuletzt im Einsatz. Offiziell wird sie am 30. Juni mit einem Gottesdienst in Hannover in den Ruhestand verabschiedet. Am 3. Juni wird die Theologin, die zu den prominentesten, beliebtesten und zugleich polarisierendsten Personen der evangelischen Kirche gehört, 60 Jahre alt.
Käßmann hat bereits angekündigt, sich dann für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. „Jetzt sind andere dran“, sagte sie. Öffentlichkeit heiße auch „ständige Auseinandersetzung, angreifbar zu sein und Kritik einzustecken“. Im Ruhestand will sie Privatperson sein. Inzwischen ist sie aus Berlin wieder nach Hannover gezogen.
Für Auseinandersetzungen hat die Theologin häufig gesorgt. Ihre Neujahrspredigt 2010 mit dem Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ stieß nicht nur eine Diskussion um Deutschlands Beteiligung an einem Krieg an. Politiker echauffierten sich über die Aussage. Käßmann polarisiert: Während sie bis heute bei Kirchentagen und anderen Veranstaltungen Säle und Hallen mit Fans füllte, reiben sich nicht nur konservative Christen an ihr und ihren politischen Haltungen.
Geboren 1958 als Tochter eines Kfz-Mechanikers und einer Krankenschwester begann Margot Schulze 1977 ihr Theologiestudium. 1981 heiratete sie Eckhard Käßmann, mit dem sie vier Töchter hat, inzwischen aber geschieden ist. Auch er wird Pfarrer – und nur er bekommt eine Stelle, als sie beide ihr Studium abschließen. Käßmann, auch Kämpferin für Gleichberechtigung, wird zunächst nur Pfarrfrau. „Margot fühlt sich unwohl“, berichtet Käßmanns langjähriger Berater Uwe Birnstein in einer in diesem Jahr erschienenen Biografie über diese Zeit.
Käßmann beginnt eine Dissertation und engagiert sich im Ökumenischen Rat der Kirchen. Anfang der 90er Jahre wird sie Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Hofgeismar, 1994 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. 1999 wird sie in Hannover zur Bischöfin gewählt. Zehn Jahre später wird sie erste Frau an der Spitze der EKD, bleibt es aber nur für wenige Monate. Nach einer Fahrt unter Alkoholeinfluss tritt sie im Februar 2010 von allen kirchlichen Ämtern zurück.
Ihre Glaubwürdigkeit und Beliebtheit scheinen nach dem Fehltritt sogar zu steigen. „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“, verabschiedet sie sich. Wie bereits beim öffentlichen Umgang mit ihrer Brustkrebserkrankung 2006 fliegen ihr Sympathien zu. Käßmann wird zum Vorbild in Geradlinigkeit und Umgang mit Fehlern. 2016 wird sie wegen ihrer Fähigkeit, Menschen zu erreichen, als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt gehandelt. Doch Käßmann lehnt ab, bleibt als Gesicht des Reformationsjubiläums im Dienst ihrer Kirche.
Stehend applaudierend dankten die Mitglieder der EKD-Synode ihr im November 2017 dafür. Die EKD-Leitung übergab ihr dabei ein Geschenk – ein Buch, das Käßmann im Ruhestand, in dem sie lesen und schreiben will, wohl nicht als erstes lesen muss: die Bibel.
