Harkebrügge - Der Leitspruch war: „Wir bauen Deutschland“. Breit und gut lesbar stand er über dem Lager mit der Kennung 1/195 „Camperfehn“. Doch es war nur eines von sieben Reichsarbeitsdienstlagern, die zur Zeit des Nationalsozialismus westlich der Soeste errichtet wurden. Heute ist von den Lager nicht mehr viel zu sehen – doch Heimatforscher Heinz Frerichs hat sich intensiv mit der Geschichte des Reichsarbeitsdienst in Harkebrügge beschäftigt.

RAD – Der Reichsarbeitsdienst

Der Reichsarbeitsdienst war eine nationalsozialistische Organisation im Deutschen Reich. Durch das „Gesetz für den Reichsarbeitsdienst“ wurde die Organisation im Juni 1935 gegründet.

In dem Gesetz stand unter anderem: „Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volk im Reichsarbeitsdienst zu dienen.“ Zunächst wurden nur junge Männer vor ihrem Wehrdienst für sechs Monate zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden aber auch Mädchen eingezogen. Dabei war der Dienst nicht nur eine Arbeitsmaßnahme – auch nationalsozialistische Erziehungswerte und die Ideologie wurden dort vermittelt.

Das Zeichen des Reichsarbeitsdienst war der Spaten im Ährenkranz.

„Das Gebiet westlich von Harkebrügge zwischen der Soeste und dem Elisabethfehnkanal lag zu dieser Zeit relativ brach und glich einer Wüste. Genau das sollten die neuen Reichsarbeitsdienstlager in den 30er Jahren ändern“, sagt Frerichs im Gespräch mit der NWZ. Es wurden insgesamt sieben Lager eingerichtet: Camperfehn, Glittenberg, Brand-Reeken, Harkebrügge, Reekenfeld, Hüttentange und Lohe. „Dadurch sollten die Moorflächen westlich der Soeste kultiviert werden. Aber nicht mit dem Dampfpflug der Familie Ottomeyer – das Symbol des Reichsarbeitsdienst war der Spaten und der tüchtige Deutsche sollte auch nur diesen benutzen“, erzählt Frerichs. Diese schwere Arbeit, die in jedem Lager bis zu 220 Personen verrichten mussten, lässt sich gut an den unzähligen Fotos in Frerichs Archiv wiedererkennen.

Im April 1938 wurden die ersten Lager in Betrieb genommen. „Die Arbeiter kamen damals aus dem gesamten Deutschen Reich. Viele sind nach dem Krieg auch in Harkebrügge sesshaft geworden“, so Frerichs. Durch das „Bodenverbesserungswerk Harkebrügge“ wurde das erforderliche Land westlich der Soeste aufgekauft und teils durch Enteignung dem Staat zur Verfügung gestellt. „Doch auch der Wegebau wurde durch die Arbeiter, die meist kurz vor dem Wehrdienst staden, geleistet. Später kamen dann auch sogenannten Maidenlager für Mädchen dazu“, berichtet Frerichs weiter.

Verbunden mit der Arbeit der Lager ist auch das „rigolen“. „Rigolen nennt man das Tiefpflügen. Damit wurde gelber Sand aus tiefen liegenden Erdschichten nach oben geholt, um so den Moorboden weiter zu kultivieren“, fügt Frerichs hinzu. Ab September 1939 war dei Arbeit in den Lagern aber erstmals unterbrochen – bei Kriegsausbruch wurde jeder Mann im Wehrdienst benötigt. Ausgestattet waren die Lager aber bestens. Frerichs: „Jedes Lager hatte seinen eigenen Sportplatz. Für alle Lager gemeinsam gab es einen Schießplatz – der stand in dem Waldstück am Anfang des Harkebrügger Wegs.“

Nach Kriegsende dienten die Lager als Vertriebenenunterkünfte und wurden in den folgenden Jahren immer weiter abgebaut. Heute kann man eine alte Baracke zum Beispiel noch am Harkebrügger Weg sehen.

Um die Geschichte der Lager weiter in die Öffentlichkeit zu tragen, plant Frerichs zusammen mit Richard Machatzke Ende des Jahres eine Infobroschüre herauszugeben.

Heiner Elsen
Heiner Elsen Redaktion Münsterland