Harpstedt - Der Erste Weltkrieg war erst wenige Tage Geschichte. Im Deutschen Reich überschlugen sich in diesem Herbst 1918 die Ereignisse. Revolution in München am 7. November, am 9. November auch in Berlin, am selben Tag der Thronverzicht des Kaisers, das Ausrufen der Republik durch Philipp Scheidemann (SPD). In diese Zeit der Umwälzungen fällt ein Termin im beschaulichen Harpstedt, der auch hier ein Aufbegehren symbolisiert: Am 15. Dezember 1918 wurde im Sanderschen Saale (über dem heutigen Lika) der Sozialdemokratische Verein Harpstedt und Umgebung gegründet.
Wer damals das Heft in die Hand nahm und den ersten Vorstand bildete, ist heute nicht mehr bekannt. Wohl aber, wer seither als führende Persönlichkeit der SPD in Harpstedt galt: Johann Sparkuhl (1880 bis 1960), ab 1919 einer der gewählten Bürgervorsteher im Fleckenrat. In dieser Zeit hätten insbesondere Handwerker das SPD-Parteibuch gehabt, „die Gesellen, nicht die Meister“, sagt Altbürgermeister Hermann Bokelmann, der sich intensiv mit der Geschichte „seines“ Ortsvereins befasst hat. Bei den Reichstagswahlen 1919 hätten in Harpstedt 40,4 Prozent ihre Stimme der SPD gegeben, bei den folgenden Reichstags- und Landtagswahlen 28 bis 30 Prozent, hat er recherchiert.
Mit der Machtübernahme durch die NS-Diktatur wurden 1933 die politischen Parteien außer der NSDAP aufgelöst. Johann Sparkuhl wurde mit Haft gedroht, falls er sein Ratsmandat weiter wahrnehme.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es erneut Sparkuhl, der den Aufbau der SPD betrieb. Die Mitgliederzahl im Flecken blieb zunächst überschaubar: 16 waren es Ende 1946 – genauso viele wie zum Beispiel 1963. Im ersten Fleckenrat nach dem Krieg spielte die SPD (noch) eher die zweite Geige – mit drei von zwölf Mandaten.
In den 1950er Jahre übernahm Otto Leppin als neuer Ortsvereinsvorsitzender den Stab von Johann Sparkuhl. Für seine Verdienste um den Verband der Heimkehrer erhielt der gebürtige Ostpreuße später die Bundesverdienstmedaille. Im Fleckenrat kam die SPD in diesen Jahren nicht über vier Mandate (von 13 beziehungsweise 15) hinaus.
Am 6. April 1962 dann die nächste Zäsur: Leppin übergab den Parteivorsitz an Hermann Bokelmann. Relativ schnell stieg die Mitgliederzahl auf 26. Was dem neuen Mann an der Spitze entgegenkam: In Bonn entwickelte sich die SPD unter Willy Brandt zur modernen linken Volkspartei, die „mehr Demokratie wagen“ wollte, einen neuen Kurs in der Ostpolitik einschlug. Die Zahl der SPD-Mitglieder stieg rasant an – im Flecken auf 46 (1972), dann 68 (1974). Nach dem Zusammenschluss der Flecken-SPD mit den SPD-Ortsvereinen Kirchseelte und Dünsen im März 1974 dauerte es nicht lange, bis gemeinsam die 100-Mitglieder-Marke genommen wurde.
Parallel erreichte die SPD im Fleckenrat 1964 erstmals die absolute Mehrheit (sieben von 13 Mitgliedern). Über drei Jahrzehnte lang, bis 1996, stellte sie jetzt den Bürgermeister – eben Hermann Bokelmann. „Bei uns war die Bude voll“, erinnert sich der Kommunalpolitiker an Versammlungen „mit 150 Leuten“. Das eigene Selbstverständnis habe Reinhard Rambusch einmal auf den Punkt gebracht: „Wir sind die Partei von nebenan.“
In dieser Zeit holte die SPD viel politische Prominenz in den Flecken. Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder kam, auch NRW-Ministerpräsident Johannes Rau oder Landes-Umweltministerin Monika Griefahn.
Mehrere lokale Projekte trugen jetzt die Handschrift der SPD, etwa der Bau des heutigen Schulzentrums, auch der Bau des DRK-Seniorenzentrums.
1998 dann eine neuerliche Zäsur: Auf Bokelmann folgte Elke Wachendorf als erste Frau an der Spitze des Ortsvereins. 2004 dann übernahm Klaus Budzin den Stab.
Und heute? Im Fleckenrat verfügt die SPD-Fraktion über vier Sitze (von 15), im Samtgemeinderat über sieben Mandate (von 27). Die Mitgliederzahl liegt knapp unter 50.
Zum neuen Vorsitzenden wählte der SPD-Ortsverein im Februar dieses Jahres Daniel Helms, 21 Jahre jung. Der kündigte „neuen Schwung“ an. „Definitiv“ gebe es für die SPD in Harpstedt noch Luft nach oben. „Ich will keine zu hohen Ziele setzen, wir geben unser Bestes.“ Helms setzt vor allem auf mehr Bürgernähe – zum Beispiel durch vermehrte Diskussionen mit Abgeordneten, zum Beispiel mit der Diskussionsreihe „SPD vor Ort“.
