Haschenbrok - Nur der Mond scheint über Haschenbrok. Der Hund begrüßt jeden Besucher. Hausherr Torsten Deye kommt später – die Kartoffelernte. Doch im umgebauten Stall ist die Stimmung prächtig. Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) steht an. Die Junge Union (JU) hat eingeladen, und unter den gut 20 Gästen sind am Sonntag auch die Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen und die CDU-Landtagskandidatin Anne-Marie Glowienka.

Die Erwartungshaltungen sind unterschiedlich. „Eigentlich ist das Format ideal für Schulz“, meint Philipp Albrecht (21), „er ist rhetorisch besser als Merkel.“ Ganz anders sieht das Bettina Siebert-Kossmann (51) aus Harpstedt: „Merkel wird die besseren Argumente haben. Sie bringt die Amtserfahrung mit.“ Derweil laufen unter den JU-Vertretern schon Wetten, wie oft Schulz das Wort „Würselen“, seine Heimatstadt bei Aachen, nennen wird.

Zu Beginn der Fernsehdebatte ist es mucksmäuschenstill. Zwiegespräche sind tabu. Doch als beim Themenkomplex Flüchtlinge/Integration Schulz erklärt, er habe extra im Vorfeld dazu etwas vorgelesen, können sich einige Gäste in Deyes Partyraum vor Lachen kaum noch halten. Bei der Frage der TV-Moderatoren, wie man „Hasspredigern“ das Handwerk legen könnte, nimmt Grotelüschen die Antwort der Kanzlerin vorweg: „Imame müssen hier, nicht in der Türkei oder in Saudi-Arabien, ausgebildet werden.“

Wenig anfangen können die jungen Zuschauer des TV-Duells mit der Frage nach dem Kirchgang. Das Hinabfallen der blauen JU-Fahne von der Decke erregt mehr Aufmerksamkeit. Und als Merkel, ganz Staatsfrau, den Umgang mit der Türkei erklärt und auf Gespräche mit Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) verweist, zischt jemand: „Zehn Punkte.“ Als Schulz Merkel zwingt, sich klar gegen die Rente mit 70 zu positionieren, nötigt das manchem Respekt ab. Doch das Statement des Herausforderers („Frau Merkel, das finde ich toll“) erntet bei der Wahlparty erneut nur höhnisches Gelächter.

Bei den Schlussworten der beiden TV-Matadore ist die Aufmerksamkeit deutlich gesunken. Bei Schulz’ Rede, 142 statt der geplanten 60 Sekunden, ruft jemand: „Da hört doch keiner mehr zu.“ Merkels Aussage, weder mit AfD noch mit der Linken zu koalieren, wird beim Parteinachwuchs gern gehört.

Am Ende können sich alle hinter der Blitz-Umfrage der Meinungsforscher versammeln: „Merkel war kompetenter“, sagt Siebert-Kossmann. Allerdings habe Schulz bei Verbraucherfragen, etwa in Sachen Diesel-Affäre, gepunktet. Philipp Albrecht revidiert seine frühere Aussage: „Bei der Türkei-Politik konnte Schulz mit harter Linie punkten. Doch Merkel trat insgesamt souveräner auf.“ Es wird noch lange diskutiert, auch über Wahlkampfeinsätze. Nur der Mond beleuchtet den Heimweg in Haschenbrok.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent