Rangun - Das südostasiatische Myanmar hat auf seinem Weg zur Demokratie einen historischen Meilenstein gemeistert: die Wahl eines neuen Parlaments. Viele der 30 Millionen Wahlberechtigten gaben in dem jahrzehntelang von einer Militärjunta regierten Land zum ersten Mal ihre Stimme ab. Internationale Wahlbeobachter meldeten einen friedlichen Verlauf und sprachen von einem „bemerkenswerten Tag“ voller positiver Aufregung und Energie. Ergebnisse sollen nach Angaben der Wahlkommission am Montag ab 9 Uhr veröffentlicht werden.
Die Nationale Liga für Demokratie von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi galt als Favoritin auf den Wahlsieg. Die vom Militär gegründete und seit 2011 regierende Union für Solidarität und Entwicklung - bekannt unter ihrer englischen Abkürzug USDP - ging als Hauptrivalin der NLD in einem Feld von mehr als 90 Parteien ins Rennen. Allerdings mit einem großen Vorteil: Ein Viertel der 664 Parlamentssitze sind laut Verfassung für das Militär reserviert.
Die Stimmenauszählung begann sofort nach Schließung der Wahllokale. Hunderte NLD-Anhänger hofften im Regen vor der Parteizentrale in Rangun auf erste Ergebnisse, wurden aber von NLD-Mitgründer Tin Oo vertröstet: „Wir werden noch nicht in der Lage sein, Ergebnisse mitzuteilen“, sagte er. Das werde noch eine Weile dauern. „Alles was ich sagen kann ist, dass die NLD sehr gut da steht.“
Die vorigen Wahlen 2010 waren von der Opposition wegen der vielen Hindernisse, die die Militärregierung ihnen in den Weg stellte, noch boykottiert worden. In Nachwahlen 2012 gewann die NLD 43 der 44 Mandate, für die sie antrat. Auch Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi wurde ins Parlament gewählt. Künftige Präsidentin kann sie aber auf keinen Fall werden, weil die Verfassung Personen davon ausschließt, die mit Ausländern verheiratet sind oder deren Kinder eine andere Staatsbürgerschaft haben. Suu Kyis beide Söhne sind wie ihr verstorbener Mann Briten.
Die NLD hatte die Wahlen 1990 gewonnen, das Militär verhinderte die Konstituierung des Parlaments aber mit der Begründung, erst müsse eine neue Verfassung geschrieben werden. Das dauerte 18 Jahre. Suu Kyi verbrachte viele Jahre unter Hausarrest, ihre Partei wurde unterdrückt. Erst 2010 begann das Militär, seinen Griff um die Macht zu lockern.
Die vergangenen vier Jahre regierte in Myanmar eine quasi zivile Regierung unter Präsident Thein Sin, einem früheren Juntamitglied. Aber auch künftig behält das Militär großen Einfluss: Die Schlüsselministerien Verteidigung, Inneres und Grenzsicherung hat es sich reserviert und damit wohl auch mehr oder weniger freie Hand bei seinem repressiven Vorgehen gegen Minderheiten. 40 Prozent der 52 Millionen Myanmarer gehören unterschiedlichen ethnischen Gruppen an. Die muslimischen Rohingya mit einer halben Million Menschen im Wahlalter sind von der Wahl ausgeschlossen worden - sie wurden zu Ausländern erklärt, obwohl sie teils seit Generationen in Myanmar leben.
Weder Suu Kyi noch Thein Sein gaben bei ihrer Stimmabgabe eine Stellungnahme ab. Thein Sein hatte am Samstag versichert, seine Partei werde den Ausgang der Wahl respektieren.
Nach der Konstituierung des neuen Parlament werden dessen Abgeordnete drei Kandidaten für das Präsidentenamt benennen. Die Abstimmung wird nicht vor Februar erwartet. Der Sieger wird Präsident, die beiden anderen werden Vizepräsidenten.
