HUDE - Noch sechs Steine liegen auf dem Mühlenbrett. Drei weiße und drei schwarze. Dag Ennenga grübelt. Der 20-Jährige weiß: Wer nun die Konzentration verliert, verliert das Spiel. Und da ist es geschehen. Lothar Hadwig legt eine Mühle. Dag Ennenga verliert.

Ennenga ist Zivildienstleistender in Hude. Seit dem 1. September arbeitet er bei der Diakonie-Sozialstation. In seinen Aufgabenbereich fällt unter anderem die Betreung von Patienten. Einer dieser Patienten ist Lothar Hadwig. Der 74-Jährige hat harte Schicksalsschläge hinter sich: Einen Schlaganfall vor acht Jahren, ein weiterer im Februar diesen Jahres. Dazu kommen Gehirninfarkte und die Demenzerkrankung.

Doch trotz dieser Handicaps: beim Mühlespielen ist Lothar Hadwig unschlagbar – zumindest fast. Nach der ersten Runde kommt es wieder zum Showdown. Doch diesmal ist der Zivi der Sieger.

Irmgard Hadwig freut sich darüber, dass der neue Zivi und ihr Mann sich so gut verstehen. Zumindest beim Mühlespielen gibt es keine Probleme. Einmal in der Woche – von acht bis zwölf Uhr – kommt ein Zivildiestleistender zur Familie Hadwig, betreut Lothar und entlastet Irmgard. Vier Stunden lang ist dann der Zivi Ansprechpartner für den 74-Jährigen. „Für mich ist das eine große Erleichterung. Ich nutze die Auszeit intensiv“, sagt Irmgard Hadwig: „Ich gehe kurz nachdem der junge Mann gekommen ist – etwa zum Kaffeetrinken oder mal eine Freundin treffen.“

Unterdessen haben Dag Ennenga und Lothar Hadwig das Brett wieder zusammengeräumt. „Eins zu eins. Beim nächsten mal geht es weiter“, sagt Zivildienstleistender Ennenga und verabschiedet sich kurz darauf.

Elisabeth Loch, die Pflegedienstleiterin der Diakonie-Sozialstation, vertraut auf ihre Zivis. „Ich muss mich auf die Jungs verlassen können“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Eigentlich hatten wir mit unseren Zivildienstleistenden immer Glück.“ Das Aufgabenfeld eines Zivis bei der Huder Sozialstation der Diakonie ist nicht so leicht zu umschreiben: „Überwiegend entlasten sie die pflegenden Angehörigen.“

So wie Irmgard Hadwig. Die Zivildienstleistenden dürfen nicht als Pfleger arbeiten, statt dessen begleiten sie die Patienten beim Einkaufen, beim Gang zum Arzt, übernehmen Botendienste. Auch der Fuhrpark mit neun Fahzeugen steht unter der „Obhut“ des Zivis. Die Wagen müssen gewaschen, getankt, Öl- und Kühlwasserstand überprüft werden.

„Der Job ist nicht nur für unsere Patienten wichtig, auch für die jungen Menschen“, sagt Loch. In der Sozialstation würden sie mit den weniger schönen Seiten des Lebens konfrontiert. „Persönlickeitsbildend“, wie es Loch nennt: „Ich bin dankbar für das Vertrauen, dass uns die Patienten und ihre Familien entgegen bringen. Teilweise verlassen die Angehörigen das Haus für mehrere Stunden.“

Genauso wie Irmgard Hadwig. Sie übergibt einmal in der Woche ihren Mann dem Zivi. Sie ist beruhigt, zu wissen, dass der Zivildienstleistende ihren Mann mit Mühle und „Mensch ärgere Dich nicht“ geistig auf Trab hält. Oder anders herum?