Hude - Es ist eine bewegende Erfolgsgeschichte der Integration. Wenn der selbstständige Dachdeckermeister Goran Lulic (48) auf seine Anfänge in Deutschland zurückblickt, gehen ihm viele Bilder und Emotionen durch den Kopf. Als Flüchtling und Vertriebener des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien kam er im Januar 1993 nach Hude, wo er heute mit seiner Frau Anja Graalmann-Lulic (50) und Sohn Torben (26) lebt.
In seiner Heimat hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten. „Ich war froh, der Hölle des Krieges zu entfliehen. Ich konnte es nicht mehr ertragen, das ganze Leid und Elend zu sehen“, sagt der gebürtige Bosnier, dessen älterer Bruder dem Jugoslawien-Krieg zum Opfer gefallen war. Seine Eltern und seine jüngere Schwester waren weit verstreut, so dass er alleine flüchten musste.
Flucht nach Deutschland
Goran Lulic erlebte die Kriegsgräuel hautnah mit. Nach seiner Ausbildung zum Polizeibeamten und dem Studium an der Polizeiakademie in Zagreb arbeitet er mit Mitte 20 rund zwei Jahre lang in leitender Position im Polizeidienst, ehe er von der Militärpolizei zwangsrekrutiert wurde. „Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, waren plötzlich meine Feinde“, beschreibt er diese „schreckliche Zeit“. Als seine Geburtsstadt Jajce im heutigen Bosnien-Herzegowina von den Serben eingenommen wurde, flüchtet der 48-Jährige an die Küste nach Split, wo er über einen Flüchtlingskonvoi bis nach München gelangte.
„Doch ich wollte nach Norddeutschland, da ich wusste, dass in Oldenburg entfernte Verwandte von mir wohnen“, erzählt Lulic. Über die Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Oldenburg wurde er nach einem einwöchigen Aufenthalt im Kloster Blankenburg schließlich im Flüchtlingswohnheim am Fuchsberg in Hude untergebracht. Von der Gemeinde erhielt er eine Stelle als Hausmeister des Wohnheims, ehe ihm ein leitender Sozialamtsmitarbeiter eine Dachdecker-Ausbildung nahelegte und vermittelte. Doch aller Anfang war schwer: „Ich sprach damals kein Wort Deutsch und hatte niemanden, mit dem ich mich über das Kriegstrauma austauschen konnte.“ Dennoch biss sich Goran Lulic durch und schloss in weniger als drei Jahren seine Ausbildung mit Auszeichnung ab.
Um sein Deutsch zu verbessern, war es dem gebürtigen Bosnier sehr wichtig, soziale Kontakte aufzubauen. So trat er kurz nach seiner Ankunft in Hude dem TuS Vielstedt bei, wo er rund zehn Jahre als Mittelstürmer aktiv war. „Und das, obwohl Fußball bis dahin gar nicht mein Ding war“, lacht der 48-Jährige. Noch kurioser verhielt es sich mit dem Basketballsport („Hatte ich bis dahin nur just for fun gespielt“), erzählt der Mitbegründer, ehemalige kommissarische Abteilungsleiter, Trainer und Spieler der Basketballabteilung des TV Hude. „Ich durfte damals (1994) beim OTB in Oldenburg mittrainieren, und ehe ich mich versah, habe ich in der 2. Basketball-Bundesliga mitgespielt.“
Beruflicher Erfolg
Knapp zwei Wochen nach seinem Abschluss zum Dachdeckermeister im Jahr 2000, machte sich Goran Lulic mit seinem Dachdeckerbetrieb „Lulic Bedachungen“ in Hude selbstständig, bildet mittlerweile auch selbst aus. Zudem ist er als Dozent und Ausbilder für Dachdecker-Meisterschüler an der Handwerkskammer in Bremen tätig. „Ich bin sehr dankbar, dass ich in Deutschland so gut aufgenommen wurde und sehr stolz, dass ich etwas an junge Menschen zurückgeben kann“, sagt der Mitbegründer des Vereins Kinderaugen (2002) und passionierte Reiter (RC Hude).
