Westerstede - Vor 35 Jahren liefen in Westerstede die Vorbereitungen für die Begrüßung von vietnamesischen Flüchtlingen auf Hochtouren. Im Frühjahr 1979 sollten 49 Personen in der Ammerländer Kreisstadt aufgenommen werden.

„Das war schon eine große Herausforderung“, erinnert sich Horst Hienen, der damals stellvertretender Leiter des Sozialamtes der Stadt war und sich als Flüchtlingsbeauftragter um die Organisation kümmerte. „Wir hatten ja nur wenige Monate Zeit, Wohnungen zu beschaffen und diese komplett einzurichten. Doch dem Aufruf zur Möbelspende sind viele gefolgt. Die Hilfsbereitschaft war sehr groß“, erinnert sich der heutige Baudezernent. Von Besteck über Lampen bis hin zu mit asiatischen Lebensmitteln gefüllten Kühlschränken – an alles sei gedacht worden. Auch das Sprachenproblem wurde gelöst: „Uns wurde ein Dolmetscher zugewiesen“, berichtet Hienen.

Am 26. April trafen die ersten 22 Vietnamesen ein, es handelte sich um fünf Familien mit zum Teil kleinen Kindern. Allen steckten die Schrecken der Flucht noch in den Knochen, die Fahrt auf dem Seelenverkäufer „Hai Hong“, der Aufenthalt im Auffanglager in Malaysia und die Weiterreise nach Niedersachsen, das sich auf Betreiben des damaligen Ministerpräsidenten Dr. Ernst Albrecht bereiterklärt hatte, ein größeres Kontingent aufzunehmen.

In Westerstede waren die Pläne zunächst umstritten, wie der damalige Bürgermeister Manfred Hüniken noch weiß. Zuvor habe es im Rat eine kontroverse Diskussion gegeben. „Als die Stimmung drohte zu kippen, stand CDU-Ratsfrau Dr. Eva Maria Schön auf und sagte: ,Schämt Euch‘. Sie erinnerte an das Schicksal früherer Flüchtlinge, die unter viel schwierigeren Verhältnissen in Westerstede aufgenommen wurden. Das überzeugte.“

Die Ankunft der vietnamesischen Flüchtlinge, die Hüniken im Sitzungssaal des Rathauses herzlich willkommen hieß, bescherte der Kleinstadt internationale Beachtung: Kameras des amerikanischen Senders CBS-News verfolgten jeden Schritt. Sogar Ministerpräsident Albrecht reiste an, um die Flüchtlinge in einer offiziellen Feierstunde zu begrüßen. „Der Ministerpräsident in Westerstede – das war schon ein Ereignis“, betont der heutige Ehrenbürgermeister Hüniken. Angefeuert wurde die Medienpräsenz noch durch die Nachricht wenige Tage zuvor, dass Albrecht als Kanzlerkandidat ins Gespräch gebracht wurde. Trotzdem sind dem Ehepaar Hüniken vor allem anrührende Szenen in Erinnerung geblieben: „Es war ganz still im Saal. Ein Flüchtling nach dem anderen hat Albrecht die Hand gedrückt, um sich zu bedanken.“

Eingeprägt hat sich die Ankunft der Familien auch bei Horst Hienen. „Man hat sehr große Dankbarkeit gespürt“, erzählt er. „Es waren viele Kinder dabei. Sie haben sich später besonders schnell eingelebt.“ Um die Integration voranzutreiben, sei an der Volkshochschule sogar ein Deutschkursus angeboten worden.

Acht Monate später haben sich die Vietnamesen in ihrer neuen Heimat eingerichtet, wie ein Artikel in der NWZ  Anfang Januar 1980 zeigt. Um einer Isolation der inzwischen 48 Vietnamesen vorzubeugen, wurden Patenschaften eingerichtet. An vieles mussten sich die Asiaten erst gewöhnen, nicht nur an das kühle Klima. Das gesellschaftliche und soziale Leben unterschied sich stark von dem in der Heimat. So bedeutete selbst das deutsche Weihnachtsfest für die Vietnamesen, die konfuzianisch oder buddhistisch geprägt waren, eine Umstellung. Trotzdem, so zeigt sich in vielen Aussagen, waren die vietnamesischen Gäste schnell integriert. Was blieb, war nur das Heimweh.

Kerstin Schumann
Kerstin Schumann Redaktion Westerstede