Wien - War es der Kanzlerbonus oder doch das Christdemokratische? In Österreich wird darum gestritten, wer sich den Wahlerfolg von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit an die Brust heften kann. Das Alpenland wählt am Sonntag sein neues Parlament, den Nationalrat. Die konservative ÖVP mit Spitzenkandidat Michael Spindelegger verspürt nach dem Erfolg der Schwesterparteien CDU und CSU Rückenwind. Die sozialdemokratische SPÖ, die mit Werner Faymann den Bundeskanzler stellt, betont dagegen Parallelen im Programm und den Erfolg Merkels als Regierungschefin.
„Alle wollen wie Merkel sein“, titelte die „Kronen Zeitung“ am Dienstag. Online steckte das Boulevardblatt beide Herren als Fotomontage unter eine blonde Perücke – und in das petrolfarbene Kostüm, dass Merkel am Tag nach der Wahl trug.
Erklärtes Ziel von ÖVP und SPÖ, die seit 2007 zusammen regieren, ist die Neuauflage der Großen Koalition. Das könnte nach den Umfragen knapp klappen. Da ist es auch nicht schlimm, dass beide Spitzenkandidaten vom Typ her ähnlich und die Positionen nicht meilenweit auseinander sind. Steuern, Bildungsreform und Vermögensverteilung sind zentrale Wahlkampfthemen. Die NSA-Spähaffäre und die Euro-Krise spielen eine untergeordnete Rolle.
Die Große Koalition ist die mit Abstand häufigste Regierungsform im Alpenland. Kritiker bemängeln, dass beide Großparteien Österreich schon seit Jahrzehnten unter sich aufgeteilt hätten, ohne schwarzes oder rotes Parteibuch sei eine Karriere schwieriger. Diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen, ist auch erklärtes Ziel aller Oppositionsparteien von links bis rechts.
Statt mit Parolen wie das bei vergangenen Wahlen plakatierte „Daham (Daheim) statt Islam“ versucht es die rechte FPÖ in Krisenzeiten etwas subtiler: Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache lächelt neben dem Slogan „Liebe deinen Nächsten – Für mich sind das unsere Österreicher“ von den Plakaten. Der Anti-EU-Kurs ist unverändert, auch wenn sich die FPÖ mehr als mögliche Regierungs- statt reine Protestpartei zu inszenieren versucht. Sie könnte nach Umfragen um die 20 Prozent erreichen.
Die FPÖ hat aber populistische Konkurrenz bekommen: Milliardär Frank Stronach jagte ihnen mit seinem neugegründeten Team Stronach bereits bei den jüngsten Landtagswahlen zahlreiche Wähler ab. Der 81-jährige Gründer des Autoteilezulieferers Magna fährt ebenfalls einen system- wie eurokritischen Kurs. Er wirbt mit Werten wie Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, verspricht unter anderem ein völlig umgebautes und vereinfachtes Steuersystem. Gute Werte zu Anfang des Wahlkampfs verspielte Stronach aber mit teils schlecht vorbereiteten und wirren Auftritten, aktuell prognostizieren Umfragen sechs bis zehn Prozent.
Die Grünen versuchen sich neben ihrem Öko-Kernthema mit ihrer Frontfrau Eva Glawischnig als einzige Partei zu profilieren, die nicht in einen der zahlreichen Korruptionsskandale im Land verwickelt ist. Ein nicht enden wollender Streit um die von den Wiener Grünen verkehrsberuhigte Mariahilfer Straße, Österreichs größte Einkaufsstraße, kostete aber zuletzt bundesweit Sympathien. Auch die mit einem Schaf bebilderte Kampagne, weniger „belämmert“ als die anderen Politiker zu sein, erntete Häme. Zuletzt wurden den Grünen um die 14 Prozent prognostiziert.
