Cloppenburg - Scharfe Kritik hat die Vorsitzende der Heimatvereins der Deutschen aus Russland, Nadja Kurz (Molbergen), am Aussiedler-Protest gegen Flüchtlinge geübt. Am Sonntagnachmittag hatten sich rund 1000 Menschen, fast ausschließlich Aussiedler, vor dem Cloppenburger Rathaus versammelt, um mit einem so genannten Flashmob (spontaner Menschenauflauf) gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu protestieren.

„Mich macht das wütend. Ich frage mich, was ich die ganzen Jahre gemacht habe“, so Kurz am Montag auf Anfrage der NWZ . Schon seit vielen Jahren bemühe sie sich um die Integration der Aussiedler in die hiesige Gesellschaft, die dann mit einer solchen Aktion die Arbeit des Heimatvereins so massiv hintertrieben.

Bereits in der vergangenen Woche war in den sozialen Netzwerken unter den Aussiedlern bundesweit zu spontanen Versammlungen vor den Rathäusern aufgerufen worden. Grund war die angebliche Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens durch Migranten im Berliner Stadtteil Marzahn, die bereits schon zu Protesten vor dem Kanzleramt geführt hatte.

Dabei handelt es sich offenbar nur um ein von russischen Medien ausgeschlachtetes Gerücht. Das Mädchen war zwar in der Nacht vom 11. auf den 12. Januar verschwunden, laut Berliner Polizei hatte es jedoch weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung gegeben – und auch von Asylbewerbern als Tatverdächtige ist nichts bekannt.

Rund 70 Prozent der Aussiedler – schätzt der Cloppenburger CDU-Ratsherr Anatoli Bender (selbst Aussiedler) – würden ihre Informationen ausschließlich aus dem russischen Staatsfernsehen beziehen. „Sie sehen dann nur die eine Seite.“

„Ich sage meinen Leuten immer, informiert Euch in den regionalen Medien und nicht nur in den sozialen Netzwerken. Da wird so viel Boshaftigkeit verstreut“, ergänzte Kurz.

Viele Aussiedler – so Kurz weiter – fürchteten sich offenbar vor dem zum Teil unkontrollierten Zuzug von Flüchtlingen islamischen Glaubens. Das liege hauptsächlich an ihrer eigenen Herkunft. Viele Aussiedler seien aus Kasachstan gekommen, einem Land, in dem es 70 Prozent Moslems gebe.

Stichwort Glauben: In ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft – der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde „Oase“ in Molbergen – würden sich, so Kurz, zahlreiche Aussiedler in der Flüchtlingsarbeit engagieren. „Hier in Molbergen ist am Sonntag kein Mensch zum Rathaus gelaufen.“

Vor dem Cloppenburger Rathaus war am Sonntag unter den Protestierenden immer wieder die „Angst um Kinder und Kultur“ geäußert worden. Mit Aussagen aus dem rechtspopulistischen Bereich wurde auch gegen Flüchtlingsunterkünfte Stimmung gemacht, die zurzeit im Stadtgebiet errichtet werden.

Darüber hinaus gab es auch hier scharfe Kritik an dem vielfach unkontrollierten Zuzug der Flüchtlinge. Als die Aussiedler damals nach Deutschland gekommen seien, hätten sie einen Antrag stellen müssen, alles sei geregelt gewesen, so ein vielfach geäußerter Vorwurf an die Adresse der Regierenden. Außerdem sprachen viele Teilnehmer der Protestkundgebung den Flüchtlingen den Willen zur Integration ab.

Sehr viele Aussiedler, bestätigte Ratsherr Bender am Montag den Eindruck von der sonntäglichen Versammlung vor dem Rathaus, hätten Vorbehalte gegen Flüchtlinge. Die Nachricht, dass sich rund 1000 Russlanddeutsche vor dem Rathaus zum Protest gegen Flüchtlinge versammelt hatten, sei „einfach nur schrecklich“.

Carsten Mensing
Carsten Mensing Redaktion Münsterland