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NWZonline.de Nachrichten Politik

Interview: „Das war Gänsehaut pur“

30.09.2019
Frage: 30. September 1989 – der historische Tag in der deutschen Botschaft in Prag. Sie standen mit dem damaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon. Der Jubel war grenzenlos, als Genscher dort 5000 DDR-Flüchtlingen mitteilte, dass sie ausreisen könnten. Wie kam es dazu?
Seiters: Als Kanzleramtsminister war ich der Verhandlungspartner der DDR. Am 29. September kam der Anruf, der Ständige Vertreter der DDR, Horst Neubauer, wolle mich dringend sprechen. Da hoffte ich schon, dass die positive Entscheidung über die Ausreise der DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft kommen würde. Die DDR stand unter großem Druck. Ungarn hatte die Grenze geöffnet. Anfang Oktober wollte die DDR-Führung mit großem Pomp 40 Jahre Staatsgründung feiern. Der russische Präsident Gorbatschow hatte sich angemeldet. Da schädigten die Bilder aus Prag das Ansehen, wo 5000 DDR-Bürger in der bundesdeutschen Botschaft ausharren mussten.
Frage: Wie haben Sie den Abend in der Botschaft erlebt?
Seiters: Es war ein Blick in den dunklen verschlammten Garten der Botschaft. Wir konnten die Gesichter in der Dunkelheit nicht erkennen. Auf dem Weg in das Büro des Botschafters mussten wir über die Menschen steigen, die auf dem Boden und auf den Treppen saßen. Sie hatten großes Vertrauen, obwohl sie nicht wussten, mit welcher Botschaft wir kamen. Das war einer der emotionalsten Momente in meinem Leben. Genscher sagte, „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise…“. Und der Jubel war unbeschreiblich. Das war Gänsehaut pur. Das werde ich niemals vergessen. Später gab es die Gespräche mit den glücklichen Menschen im Garten, die voller Dankbarkeit und voller Hoffnung auf ein neues Leben für sich und ihre Kinder waren.
Frage: War das der Anfang vom Ende der DDR?
Seiters: In Prag wurde das erste Stück aus der Mauer gebrochen. Aber es war nicht klar, dass die Mauer so schnell fällt. Allerdings hatte ich nach dem 30. September ständige Gespräche mit dem Devisenbeauftragten der DDR, Alexander Schalck-Golodkowski. Da wurde klar, wie dringend die DDR auf wirtschaftliche Hilfe angewiesen war. Wir waren weiter im Gespräch über ein neues Reisegesetz. Darauf haben wir als Bundesregierung gedrängt. Der Mauerfall kam für uns alle zu dem Zeitpunkt völlig überraschend.
Frage: Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, waren sie als Kanzleramtsminister in Bonn eine Art Stallwache für Kanzler Helmut Kohl, der in Warschau weilte. Wie haben Sie diesen Abend erlebt?
Seiters: Gemeinsam mit den Fraktionschefs von CDU/CSU, SPD, FDP und Wolfgang Schäuble für die Union saßen wir am späten Nachmittag im Kanzleramt zusammen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, Eduard Ackermann, der Medienberater des Bundeskanzlers, stürzte herein und rief: „Die Mauer ist auf!“ Schäuble antwortete: „Ackermann, als ich noch im Kanzleramt tätig war, war Alkohol hier verboten.“ Wir waren alle völlig überrascht. Wir standen zwar in Verhandlungen über ein neues Reisegesetz. Dass die Mauer an diesem Abend fallen würde, hatte jedoch niemand geahnt. Es war ja auch gar nicht beabsichtigt.
Frage: Wie haben Sie reagiert? Wie ging es weiter?
Seiters: Wir haben sofort den Wahrheitsgehalt der Nachricht überprüft und dann mit Warschau Kontakt aufgenommen. Helmut Kohl war dort gerade beim Staatsbankett mit dem polnischen Präsidenten und dem Ministerpräsidenten. Er wurde informiert und hat zurückgerufen. Am nächsten Tag war er dann in Bonn und Berlin.
Frage: Gab es die Sorge, dass die Lage in Berlin außer Kontrolle geraten, dass es zu Gewalt kommen könnte?
Seiters: Wir waren überzeugt, dass die DDR-Führung ohne die Zustimmung von Michail Gorbatschow keine Panzer schicken würde. Wir wussten, dass Gorbatschow seine Zustimmung nicht geben würde. Aber wer hätte ausschließen können, dass ein überforderter, ideologisierter Grenzpolizist plötzlich zur Waffe greift? Wir waren sehr sehr froh, dass alles so friedlich abgelaufen ist. Das war ein kleines Wunder, für das wir dankbar waren.
Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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