FRAGE:
Gemeinsam mit anderen Historikern haben Sie eine Studie über den diplomatischen Dienst in der Zeit der NS-Diktatur vorgelegt. Wie tief war das Auswärtige Amt in den Nationalsozialismus verstrickt?CONZE
: Die Studie liefert erstmals einen systematischen Gesamtüberblick über den deutschen diplomatischen Dienst seit 1933. Das gilt für die Zeit der NS-Diktatur, aber auch für die Zeit nach 1945, insbesondere nach der Wiedergründung des Auswärtigen Amtes 1951. Es gab Mitläufer, Mitwisser und Mittäter im Amt und zwar vom 30. Januar 1933 an. Das Auswärtige Amt hat sich von Anfang an aktiv auf allen Ebenen an der nationalsozialistischen Gewalt und den NS-Verbrechen wie Massenmord beteiligt. Es hat an der Verfolgung und der Ermordung der Juden mitgewirkt. Dass der Bruch im Auswärtigen Amt erst 1938 mit der Ernennung von Außenminister Ribbentrop eingetreten sei, ist falsch. Natürlich gab es auch im Auswärtigen Amt Widerstand, doch dieser Widerstand ging nur von wenigen einzelnen Diplomaten aus. Das Auswärtige Amt war kein Hort des Widerstandes. Es war eine verbrecherische Organisation. Wir reden hier nicht nur über einige exponierte Personen, sondern über eine systematische institutionelle Kooperation.FRAGE:
Warum wird dieses dunkle Kapitel erst jetzt gründlich aufgearbeitet?CONZE
: Es gab auch in der Vergangenheit immer wieder Studien, die Zweifel aufkommen ließen an dem im Amt selbst gepflegten Geschichtsbild. Doch die schwere NS-Belastung der Behörde ist insbesondere im Amt selbst jahrzehntelang systematisch ausgeblendet worden.FRAGE:
Offenbar muss auch die Rolle von Ernst von Weizsäcker, Vater des früheren Bundespräsidenten, neu bewertet werden.CONZE
: Ernst von Weizsäcker war eine geradezu paradigmatische Figur. Er zeigt wie kein Zweiter, in welchem Maße die deutsche Oberschicht, die traditionellen Eliten, darunter die hohen Diplomaten, an dernationalsozialistischen Verbrechenspolitik beteiligt waren. Von Weizsäcker hat zum Beispiel schon 1936 aktiv an der Ausbürgerung von Thomas Mann mitgewirkt.
