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Interview Ministerium „kein Hort des Widerstandes“

Andreas Herholz

FRAGE:

Gemeinsam mit anderen Historikern haben Sie eine Studie über den diplomatischen Dienst in der Zeit der NS-Diktatur vorgelegt. Wie tief war das Auswärtige Amt in den Nationalsozialismus verstrickt?

CONZE

: Die Studie liefert erstmals einen systematischen Gesamtüberblick über den deutschen diplomatischen Dienst seit 1933. Das gilt für die Zeit der NS-Diktatur, aber auch für die Zeit nach 1945, insbesondere nach der Wiedergründung des Auswärtigen Amtes 1951. Es gab Mitläufer, Mitwisser und Mittäter im Amt und zwar vom 30. Januar 1933 an. Das Auswärtige Amt hat sich von Anfang an aktiv auf allen Ebenen an der nationalsozialistischen Gewalt und den NS-Verbrechen wie Massenmord beteiligt. Es hat an der Verfolgung und der Ermordung der Juden mitgewirkt. Dass der Bruch im Auswärtigen Amt erst 1938 mit der Ernennung von Außenminister Ribbentrop eingetreten sei, ist falsch. Natürlich gab es auch im Auswärtigen Amt Widerstand, doch dieser Widerstand ging nur von wenigen einzelnen Diplomaten aus. Das Auswärtige Amt war kein Hort des Widerstandes. Es war eine verbrecherische Organisation. Wir reden hier nicht nur über einige exponierte Personen, sondern über eine systematische institutionelle Kooperation.

FRAGE:

Warum wird dieses dunkle Kapitel erst jetzt gründlich aufgearbeitet?

CONZE

: Es gab auch in der Vergangenheit immer wieder Studien, die Zweifel aufkommen ließen an dem im Amt selbst gepflegten Geschichtsbild. Doch die schwere NS-Belastung der Behörde ist insbesondere im Amt selbst jahrzehntelang systematisch ausgeblendet worden.

FRAGE:

Offenbar muss auch die Rolle von Ernst von Weizsäcker, Vater des früheren Bundespräsidenten, neu bewertet werden.

CONZE

: Ernst von Weizsäcker war eine geradezu paradigmatische Figur. Er zeigt wie kein Zweiter, in welchem Maße die deutsche Oberschicht, die traditionellen Eliten, darunter die hohen Diplomaten, an der

nationalsozialistischen Verbrechenspolitik beteiligt waren. Von Weizsäcker hat zum Beispiel schon 1936 aktiv an der Ausbürgerung von Thomas Mann mitgewirkt.

FRAGE:

Der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat den Umgang von Willy Brandt, einem seiner Vorgänger, mit Nazi-Diplomaten gerügt.

CONZE

: Wir sollten vorsichtig mit der Schuldzuweisung an einzelne Politiker sein. Willy Brandt handelte nicht im luftleeren Raum. Er hatte ein Umfeld von Beratern, und darunter waren auch Diplomaten mit einer Wilhelmstraßen-Vergangenheit. Die Große Koalition von 1966 hat sich als ein Kabinett der nationalen Versöhnung verstanden. Auf der einen Seite der Kanzler Kurt Georg Kiesinger, NSDAP-Mitglied, der selbst im Auswärtigen Dienst tätig gewesen war, und auf der anderen Seite der Emigrant Willy Brandt.

FRAGE:

Sie dokumentieren aber auch einzelne Fälle des Widerstandes.

CONZE

: Da ist zum Beispiel der Fall von Fritz Kolbe. Er hat in den letzten Kriegsjahren geheime Dokumente des Auswärtigen Amtes an die Amerikaner weitergeleitet. Er galt über Jahrzehnte als Landesverräter, erhielt keine Chance, wieder in den Auswärtigen Dienst einzutreten. Offiziell ist er erst im Jahr 2004 rehabilitiert worden. Im AA herrschte ein Korpsgeist, der lange über den Krieg und die NS-Schreckensherrschaft hinaus gewirkt hat.

FRAGE:

Außenminister Guido Westerwelle will die Studie zur Pflichtlektüre für den Nachwuchs im diplomatischen Dienst machen.

CONZE

: Der gesamte Bereich der Traditionspflege und des Geschichtsbildes des Auswärtigen Amtes muss im Lichte dieser Studie neu bewertet werden. Das betrifft die Ausbildung ebenso wie die Selbstdarstellung des Amtes.

CONZE

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