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NWZonline.de Nachrichten Politik

Bedford-Strohm: Ostern eröffnet neue Perspektive

18.04.2019
Frage: Herr Landesbischof, Frankreich steht unter Schock. Mit der Kathedrale von Notre Dame ist das Herz von Paris zerstört. Wie groß ist der Verlust?

Evangelischer Theologe aus München

Heinrich Bedford-Strohm (59) ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er wuchs in einer theologisch geprägten Familie auf, auch sein Vater war Pfarrer. Bedford-Strohm ist verheiratet mit der amerikanischen Psychotherapeutin Deborah, das Paar hat drei Söhne.

Bedford-Strohm: Der Verlust ist groß. Vordergründig geht es um einen Riesenverlust an Kunstschätzen und die massive Beschädigung eines historischen Gebäudes. Hintergründig geht es um mehr. In einer Zeit des Wandels und der Unsicherheit gibt ein solch uraltes Gebäude Sicherheit und Stabilität. Es repräsentiert gewachsene Geschichte. Dass es eine Kirche ist, verstärkt das noch. Eine Kirche ist die Seele einer Stadt. Notre Dame steht weit über Paris hinaus für die Seele des ganzen Landes, vielleicht sogar ein Stück weit für Europa, für die Werte, die die Menschen verbinden, weit jenseits religiöser Grenzen.
Frage: Werden die deutschen Kirchen beim Wiederaufbau helfen?
Bedford-Strohm: Für konkrete Zusagen ist es jetzt natürlich zu früh. Innerlich sind jetzt viele Menschen auch hier in Deutschland an der Seite der Franzosen. Wenn klar wird, was gebraucht wird, wird sicher auch materielle Solidarität ein Thema sein.
Frage: Herr Bedford-Strohm, wie feiern Sie Ostern privat?
Bedford-Strohm: Das Fest ist für mich natürlich geprägt vom Ostergottesdienst, den ich in meiner Bischofskirche halten werde, und von dem Ruf, auf den ich mich jetzt schon freue: „Christus ist wahrhaft auferstanden.“ Für mich ist Ostern wirklich ein Fest der Freude und der Hoffnung. An Karfreitag wird des Leidens Jesu gedacht – und damit auch des Leids und der Verzweiflungsschreie aller Menschen heute. Der Karfreitag aber mündet in Ostern. Ostern heißt, dass das Leid, der Abgrund und der Tod nicht das letzte Wort haben. Am Ende siegt das Leben.
Frage: Für viele Menschen ist das Fest aber vor allem ein langes freies Wochenende mit bunten Eiern und Schokohasen. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?
Bedford-Strohm: Natürlich gibt es die Entwicklung, dass die Weitergabe des Glaubens in den Familien nicht mehr selbstverständlich ist. Es gibt Eltern, denen es schwerfällt, den Kindern zu erklären, was Ostern ist. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, den Glauben weiterzugeben. In den kirchlichen Kindergärten – ob sie nun evangelisch oder katholisch sind – bemühen wir uns natürlich, die Grundlage des Festes zu vermitteln und auch die Eltern dieser Kinder in den Ostergottesdienst einzuladen. Es gibt auch den Religionsunterricht an den Schulen. Beides sind wichtige Mittel in einer Zeit, in der Glauben weniger in den Familien vermittelt wird.
Frage: Die biblische Ostergeschichte ist die Geschichte von der Auferstehung Jesu. Können Sie verstehen, dass der Glaube daran den Menschen in einer rationalen Welt schwerfällt?
Bedford-Strohm: Was Ostern geschehen ist, bleibt letztlich ein Geheimnis. Damit ist der Glaube nie ein für alle Mal fertig. Deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen, wie wir Auferstehung verstehen. Dass damals etwas buchstäblich Unglaubliches passiert ist, darüber berichten die Jünger. Im Matthäus-Evangelium ist sogar die Rede von Mutmaßungen, die Jünger hätten den Leichnam Jesu entwendet. Das macht nur dann Sinn, wenn das Grab auch wirklich leer war. Es gibt also Indizien, die für zweifelnde Menschen von heute darauf hindeuten, dass etwas Entscheidendes, etwas Wunderbares geschehen ist. Das Entscheidende jedoch, nämlich was dieses Ereignis für uns bedeutet, kann nur geglaubt werden: Menschen haben damals die Erfahrung gemacht, dass Gott sie durch das Dunkle hindurch ins Licht führt. Das wirkt bis heute nach.
Frage: Sie sagen, Ostern ist ein Zeichen der Hoffnung. Angesichts von Armut und Not gibt es aber viele, denen es an Hoffnung fehlt…
Bedford-Strohm: Für mich ist gerade deshalb das Beieinander von Karfreitag und Ostern so wichtig. Dass unsere Religion, das Christentum, sagt: Jesus Christus, derjenige, mit dem sich Gott den Menschen gezeigt hat, stirbt mit einem Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Und in diesen Worten Jesu ist Gott ganz nah bei den Menschen, die verzweifelt sind, weil so viel Gewalt und Unrecht in der Welt ist oder weil sie persönlich schweres Leid erfahren. Der Osterglaube sagt: Die Welt endet nicht in einem dunklen Abgrund. Ostern eröffnet eine neue Perspektive. Das gibt Kraft für das Leben. Und es gibt Kraft dafür, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen.
Frage: Das Bundesverfassungsgericht berät über die geschäftsmäßige Sterbehilfe. Was erwarten Sie von den obersten Richtern?
Bedford-Strohm: Die Richter haben nicht über die politische Frage des Umgangs mit geschäftsmäßiger Sterbehilfe zu entscheiden, mit der es der Bundestag zu tun hatte. Sie entscheiden nur über die Verfassungsgemäßheit dieser Entscheidung. Es ging dabei darum, ob eine aktive Beendigung des Lebens eines Menschen durch geschäftsmäßig operierende Organisationen organisiert werden und damit zu einer normalen Entscheidungsvariante des Umgangs mit dem Sterben werden soll. Dass der Bundestag hier ein klares Nein gesagt hat, war richtig.
Frage: Die beiden Kirchen werden durch Missbrauchsfälle, gerade von Kindern, erschüttert und erleben eine schwere Vertrauenskrise. Wie lässt sich Vertrauen wieder zurückgewinnen?
Bedford-Strohm: Es ist ein schwerer Schlag, wenn in einer Institution, die von der Liebe Gottes spricht, Fälle sexualisierter Gewalt geschehen. Der Grundwiderspruch zwischen der Botschaft, die wir vertreten, und sexualisierter Gewalt, könnte nicht größer sein. Wir müssen die Fälle gewissenhaft aufklären, den Betroffenen beistehen und untersuchen, welche Faktoren in der evangelischen Kirche die Missstände begünstigt haben und wie wir auf dieser Grundlage durch gezielte Präventivmaßnahmen sexualisierte Gewalt künftig verhindern können. Die EKD hat dazu einen 11-Punkte-Plan verabschiedet, bei dem es um die spezifischen Vorgänge und Risikofaktoren in der evangelischen Kirche geht. Diese Punkte sind zum Teil auch schon umgesetzt. Die einzige Maßnahme, diese Vertrauenskrise zu überwinden, ist glaubwürdiges Handeln und Transparenz.
Frage: Ein großes gesellschaftliches Thema ist weiterhin die Flüchtlingspolitik. Jetzt hat die EU ihre Rettungsmission „Sophia“ im Mittelmeer eingestellt. Wie bewerten Sie das?
Bedford-Strohm: Ich habe mir selbst auf einem dieser Schiffe der Mission ein Bild gemacht. Da wurden Zehntausende Menschen gerettet. Jetzt hat man diese Mission einfach eingestellt, ohne etwas Wirksames nachfolgen zu lassen. Wenn die Europäische Union es nicht schafft, eine Seenotrettung zu organisieren, ist das eine moralische Bankrotterklärung. Das können wir als Kirche nicht schweigend hinnehmen. Deshalb fordere ich dringend, dass die EU auf dem Mittelmeer wirksame Maßnahmen ergreift, um Leben zu retten. Es kann auch nicht sein, dass zivile Rettungsschiffe in ihrer Arbeit gehindert werden und die Geretteten nicht an Land dürfen. Da sind die Staaten Europas gemeinsam gefragt. Wenn nicht alle EU-Staaten mitmachen, müssen die vorangehen, die helfen wollen. Die Menschenwürde gehört zu den Grundwerten Europas.
Frage: Für eine gerechtere Welt kämpfen derzeit auch Schülerinnen und Schüler mit wöchentlichen Demonstrationen für mehr Klimaschutz. Wie erleben Sie „Fridays for Future“?
Bedford-Strohm: Für mich ist das ein beeindruckendes Zeichen für mehr Hoffnung. Die Schülerinnen und Schüler stehen auf, wollen Erwachsene und Politik dazu bringen, jetzt wirklich wirksame Maßnahmen zu ergreifen, damit die Welt auch in Zukunft lebenswert bleibt. Das ist ein starkes Signal.
Frage: Auch wenn dafür die Schule geschwänzt wird?
Bedford-Strohm: Dieser kleine Akt des zivilen Ungehorsams ist natürlich mit ein Grund dafür, dass die Demonstrationen so viel Aufmerksamkeit erregt haben. Das Verpassen der Schulstunden wird sicherlich nicht auf Dauer so weitergehen können. Aber das Engagement, der Mut und die Zuversicht der Jugend beeindrucken mich.
Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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