Herr Hilgers, laut einer Bertelsmann-Studie nimmt Kinderarmut in der Corona-Krise weiter zu. Wie ernst ist die Lage?
Heinz Hilgers (72) ist seit 1993 Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DSKB). Der Verwaltungsfachwirt leitete bis 1985 das Jugendamt der Stadt Frechen. Von 1985 bis 1994 war der SPD-Politiker Abgeordneter des Landtages von Nordrhein-Westfalen und von 1989 bis 1999 sowie von 2004 bis 2009 Bürgermeister seiner Heimatstadt Dormagen.
HilgersIn der Corona-Krise werden wie durch ein Brennglas schon lange bestehende Probleme sichtbar. Das Hauptproblem ist die soziale Bildungskrise in unserem Land. Sie wird jetzt noch deutlicher und verschärft sich. Wenn bei den neuen Hartz-IV-Regelsätzen nun ausgerechnet die 6- bis 14-Jährigen keine Erhöhung bekommen sollen, ist das unglaublich. Die Sätze sind ohnehin schon zu niedrig. Das betrifft die Eltern, die jetzt in der Corona-Pandemie eine hohe zusätzliche Belastung haben und in Zeiten des Unterrichtsausfalls für die Kinder zusätzlich die Essensversorgung finanzieren müssen. Da fehlt es oft an einem Computer oder einem Tablet für den digitalen Unterricht zu Hause. Das sind jene, die ohnehin schon abgehängt sind. Da sind vor allem auch Alleinerziehende betroffen.
Was muss geschehen?
HilgersDie Einführung einer Kindergrundsicherung wäre die beste und unbürokratischste Lösung. Durch den bürokratischen Dschungel der Leistungen blicken die Behörden ja selbst nicht mehr durch. Wir fordern eine Grundsicherung von 628 Euro für jedes Kind, die direkt ausgezahlt würde. Damit würde das Existenzminimum eines jeden Kindes gesichert. Je nach Einkommen würde dies bis auf die Hälfte des Betrages reduziert. Dafür sollten stärkere Schultern mehr tragen als schwache. Kurzfristig fordern wir einen direkten Sofortzuschuss zum Regelsatz für Mittagessen und digitale Ausstattung für den Unterricht.
Welche Folgen hat diese Entwicklung in einem der reichsten Länder der Welt?
HilgersDas ist ein großes Armutszeugnis. Die Zahl der Kinder, die hierzulande in Armut lebt, nimmt immer mehr zu. Das sind die Hartz-IV-Empfänger von morgen. Und es ist die Altersarmut von übermorgen. Wir gefährden die Zukunft jedes fünften Kindes. Deutschland hat nur einen Rohstoff, und das ist die Bildung. Die Corona-Krise verschärft die Bildungsmisere und die Armut der Kinder noch mehr.
