Herr Beck, Sie legen an diesem Mittwoch Ihren Abschlussbericht zum Terroranschlag auf den Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 vor. Welche Konsequenzen sind zu ziehen, um den Betroffenen besser zu helfen?
Kurt Beck (68) ist Beauftragter der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des Anschlages auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr. Er war von 1994 bis 2013 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und von 2006 bis 2008 Vorsitzender der SPD.
BeckMehrere Maßnahmen sind notwendig. Die Soforthilfe für Hinterbliebene – 10 000 Euro für den Verlust eines Verwandten ersten Grades – ist zu niedrig. Viele Länder zahlen mehr als das Doppelte, das halte ich auch für Deutschland für angemessen. Es ist letztlich eine Art Schmerzensgeld, um in der ersten Zeit nicht auch noch materiell in Not zu geraten.
Muss auch die Betreuung direkt nach einem Anschlag besser werden?
BeckJa, das ist ein weiterer Schritt: Wenn es zu einem Anschlag kommt, muss in Zukunft sofort eine gut erkennbare Anlaufstelle direkt vor Ort eingerichtet werden. Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin wurden Betroffene von den Einsatzkräften verständlicher Weise zurückgedrängt. Doch haben sie dann keine Informationen erhalten, was mit ihren Freunden oder Verwandten passiert ist. Sie fühlten sich in den Stunden größter Verzweiflung abgewiesen und im Stich gelassen. Manche haben nächtelang ihre Angehörigen in Krankenhäusern gesucht, obwohl sie tot waren. Bei der Identifizierung der Todesopfer dürfen wir nicht auf das Ergebnis von Genanalysen warten, wenn die Toten im Gesicht nicht entstellt und eindeutig zu erkennen sind oder Papiere dabei haben. Es gab Menschen, die haben drei Tage lang nicht gewusst, ob ihre Angehörigen unter den Opfern sind. Das dürfen wir niemandem zumuten!
Die Hinterbliebenen haben sich in einem offenen Brief über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beschwert. Können Sie die Vorwürfe an die Kanzlerin nachvollziehen, sie habe nicht genug Anteilnahme gezeigt?
BeckMan muss das Gefühl der betroffenen Menschen verstehen. Es ist gut, dass es am kommenden Montag zu einer persönlichen Begegnung kommt. Die Geste kommt spät, aber sie ist wichtig.
Sie selbst wurden am 8. März zum Opferbeauftragten berufen, fast drei Monate nach dem Anschlag. Muss es angesichts der terroristischen Bedrohungslage nicht eine permanente Stelle beim Bund geben, die sofort helfen kann?
BeckWir brauchen einen Apparat, der permanent einsatzbereit ist. Das ist eine weitere meiner Forderungen. Wir können nicht warten, bis wieder etwas passiert, um dann von vorne anzufangen. Es geht um Ansprechstationen zur Vermittlung von Traumata-Hilfen, materieller Hilfe, für ausländische Botschaften und zur Überstellung von Todesopfern. Kurz um: Notwendig ist ein Opferbeauftragter beim Bund als Dauereinrichtung. Wir können die Betroffenen nicht alleine lassen.
Der Anschlag hätte verhindert werden können – das hat der Abschlussbericht von Sonderermittler Bruno Jost ergeben. Die Hinterbliebenen werfen den Behörden Versagen vor. Was muss aus deren Sicht konkret getan werden?
BeckDas hat die Menschen zutiefst berührt. Viele haben sich verbittert in sich gekehrt. Viele sind einfach wütend geworden. Ich gehöre dazu und konnte meinen Zorn kaum unterdrücken. Es ist klar geworden: Der Staat konnte die Menschen nicht ausreichend schützen. Der Täter ist nicht festgenommen worden, obwohl er Straftaten begangen hatte. Und dass bei der Berliner Polizei versucht wurde, Akten zu manipulieren, um Fehler zu vertuschen, habe ich trotz meiner langen politischen Erfahrung nicht für möglich gehalten.
Am Dienstag jährt sich der Anschlag zum ersten Mal. Wie groß sind die Wunden, die bei den Hinterbliebenen und Verletzten geblieben sind?
BeckDie seelische Betroffenheit, die Erschütterung über Verlust und Verletzungen heilt nicht in einem Jahr. Sehr viele Leute sind noch traumarisiert und werden weiter behandelt. Es gibt auch Opfer mit schwersten körperlichen Behinderungen, die ein Leben lang bleiben werden. Eine junge Frau hat bei dem Anschlag Vater und Mutter verloren.
