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NWZonline.de Nachrichten Politik

„Darauf sind die Lehrer nicht vorbereitet“

14.10.2017
Frage: Erstmals seit Langem haben sich die Leistungen von Deutschlands Grundschülern verschlechtert. Überrascht diese Entwicklung Sie?

Professor in Berlin

Klaus Hurrelmann (73) ist seit 2009 Bildungsforscher an der Berliner Hertie-School of Governance in Berlin. Als Kleinkind floh mit seiner Mutter vor der Roten Armee aus der Danziger Bucht, 1947 zog die Familie nach Nordenham, wo er aufwuchs. Er studierte später Soziologie, Psychologie und Pädagogik.

Hurrelmann: Es ist ein sehr enttäuschendes, sehr bitteres Ergebnis. Wir hatten seit vielen Jahren stabile bis positive Trends im Grundschulbereich. Es gab ja schon Debatten darüber, warum die Grundschulen so gut sind und die weiterführenden Schulen nicht. Eine solche Entwicklung hat niemand vorhergesagt.
Frage: Worauf führen Sie die schlechteren Leistungen von Grundschülern zurück?
Hurrelmann: Der Bericht, den die Kultusministerkonferenz vorgestellt hat, gibt ja bereits eine Tendenz an: Der Hauptgrund dürfte die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft sein. Neu ist vor allem, dass der Anteil von Schülern aus Zuwandererfamilien gestiegen ist. Die Auflösung von Förderschulen führt zudem dazu, dass mehr Schüler mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in die Grundschulen hineingekommen sind. Die Lehrer sind offenbar nicht ausreichend in der Lage, damit umzugehen und sich auf die neuen Gegebenheiten professionell einzustellen.
Frage: Prompt fordert die Gewerkschaft GEW mehr Lehrer. Ist die Lösung so einfach?
Hurrelmann: Nein, sicherlich nicht. Natürlich darf es keine Lücken im Unterrichtsplan geben. Und die Zahl der fachfremden Lehrer sollte auch nicht zu hoch sein. Es kommt nicht auf die Zahl der Lehrer an, sondern auf deren Qualifikation. Für die Lehrer besteht die Herausforderung darin, dass die Klassen sehr viel heterogener geworden sind. Darauf sind sie nicht ausreichend vorbereitet. Ein gut strukturierter Unterricht mit klaren Konturen ist das Gebot der Stunde. Vieles in den vergangenen Jahren dürfte die Lehrkräfte verunsichert und überfordert haben.
Frage: Warum?
Hurrelmann: Sie hatten plötzlich viele Kinder im Unterricht, mit denen sie völlig anders umgehen müssten als gewohnt und gelernt. Die Antwort darauf muss gezielte Weiterbildung sein und eine bessere Vorbereitung auf gemischte Lerngruppen. Das ist eine alte Schwäche des deutschen Schulsystems. Wir waren bisher immer darauf ausgerichtet, dass die Klassen so homogen wie irgendwie möglich sind. Das funktioniert nicht mehr.
Frage: Mehr Zuwandererkinder und mehr Behinderte in den Klassen – werden Kinder ohne Behinderung und Migrationshintergrund dadurch beeinträchtigt?
Hurrelmann: Eine Auswertung der Statistik deutet darauf hin. Schülerinnen und Schüler, die neu hinzukommen und nicht in die bisherigen Muster des Unterrichts hineinpassen, sorgen durch ein anderes Sozialverhalten und Sprachprobleme für Unruhe, brauchen mehr Aufmerksamkeit. Darunter können alle anderen Kinder leiden.

Bildungsstudie

Beschämend Hans Begerow

Das Ergebnis der Bildungsforscher über die Deutsch- und Mathematikkenntnisse der Viertklässler sind alarmierend. Bildung ist die wichtigste Ressource in einer rohstoffarmen Industrienation. Aber die erfolgreiche Industrienation Deutschland leistet es sich, dass ein nicht geringer Teil Grundschüler in Bremen und Niedersachsen die Mindeststandards nicht erreicht. Offenbar haben die Kultusminister der Länder ihre Arbeit schlecht getan, die ja für die Schulen zuständig sind.

Das erinnert an die anderen Probleme bei der schulischen Bildung: Lehrermangel, Unattraktivität des Lehrerberufs an Grundschulen, zahlreiche Rektorenposten unbesetzt, Bürokratie-Aufwand. Auch das gerne hervorgebrachte Argument zieht nicht, dass Großstädte wie Bremen einen hohen Anteil von Kindern haben, die Deutsch nicht als Muttersprache erlernt haben. Das ist doch alles schon Jahre bekannt. Herausreden gilt nicht. Taten sind gefordert.

Den Autor erreichen Sie unter
Frage: Fordern Sie Kommando zurück bei der Inklusion?
Hurrelmann: In vielen Bundesländern sind die Tore geöffnet worden. Kinder mit verschiedensten Behinderungen und Beeinträchtigungen sind mit in den regulären Unterricht geholt worden. Oft ist kein zusätzlicher Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung mit dabei. Das kann so nicht funktionieren. Den Lehrern zu sagen „Macht mal“, ist keine Lösung. Das gilt übrigens auch für den Umgang mit Zuwandererkindern.

Weitere Nachrichten:

GEW | Kultusministerkonferenz