• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Deals
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Nachrichten Politik

NWZ-Kolumne „Briefe aus Jerusalem“: Tiefe Trauer, doch ein Ende des Leids

25.06.2021

Jerusalem Mein ganzes Leben musste ich schweigen. Schweigen, um meine Tante im Iran nicht in Gefahr zu bringen. Meine Tante, die ältere Schwester meiner Mutter, die samt ihrer neuen Familie vor mehreren Jahrzehnten schon zum Islam konvertiert ist. Nicht aus Liebe zur Religion, sondern, um im „neuen“ Iran nach der islamischen Revolution nicht aufzufallen. Um nicht anders wahrgenommen zu werden. Und um ihren Kindern aufgrund der jüdischen Religion keine Hindernisse in den Weg zu räumen.

Meine Tante ist vor wenigen Tagen von uns gegangen. Sie war krank. Krank, deprimiert und müde. Müde von ihrem Leben in Gefangenschaft.

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch-persisch-israelischer Schriftsteller und Mitarbeiter der israelischen Regierung. (Foto: privat)
Den Iran von vor 1979, vor der Revolution Chomeinis, den gibt es nicht mehr. Doch lebte er in den Gedanken, im Kopf und im Herzen meiner Tante fort. Nicht nur meiner Tante, auch meiner Eltern, all ihrer Geschwister und Verwandten, vollkommen egal ob sie, wie meine Eltern nach Deutschland ausgewandert sind, oder nach Los Angeles oder Holon in Israel, vollkommen unabhängig davon, dass sie Juden sind. Meine Eltern sind in den 70er Jahren nach Deutschland gezogen, um ein neues Leben weit weg von antisemitischen Vorurteilen vieler radikaler Schiiten zu führen. Meine Mutter trennte sich damals von ihrer Schwester. Im Laufe der nächsten 45 Jahre sahen sich die zwei Schwestern nur zwei Mal, als meine Tante uns in Berlin besuchen kam. Ich war noch klein, verstand nichts von der Welt und was im Iran vor sich ging.

Doch ich traf eine Tante, der Leid und Kummer ins Gesicht gestempelt waren. Von all meinen vielen Tanten war sie die einzige, deren Anblick Trauer in mir auslöste. Ich hatte keine Ahnung, was sie im Iran durchmachen musste.

Heute weiß ich es und kann es offen aussprechen: Ein Leben in Angst. Ein Leben unter der Herrschaft radikalislamistischer Schiiten. Ein Leben der Lüge. Nicht um zu leben. Um zu überleben. Doch was ist das Leben wert, wenn man sich in einer Art offener Vollzugsanstalt befindet? Was ist das Leben wert, wenn man eine Religion annimmt, nur um seine Nachfahren zu schützen? Was ist das Leben wert, wann man seine Geschwister nicht anrufen kann und kein offenes Gespräch führen kann, nur weil sie in Israel leben?

Ihr Leidensweg ging nun zu Ende. Ich weinte und war glücklich zugleich. Einerseits verlor ich meine geliebte Tante. Andererseits weiß ich, dass sie nun nicht mehr leiden muss.

Denn das Leiden scheint im Iran kein Ende zu nehmen. Erst vor einer Woche wurde der ultrakonservative Ebrahim Raisi, der an Massenhinrichtungen politischer Gefangener beteiligt war und als Chef der iranischen Justiz zahlreiche Todesurteile vollstreckt hat, zum Präsidenten gewählt.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Newsletter zur Wahl im Nordwesten erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Meiner Tante blieb zumindest dieser aktuelle Schlag ins Gesicht eines jeden nach Freiheit und Frieden sich sehnenden Iraners erspart.

Ich werde sie vermissen und werde weiterhin täglich hoffen, dass der Iran wieder andere Tage erleben wird. Tage, in denen meine Tante sich wiedergefunden hätte. Tage, die sie glücklich gemacht hätten.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.