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NWZonline.de Nachrichten Politik

Nwz-Kolumne Zum Aktuellen Antisemitismus-Streit: Denker für die Deutschen

04.06.2020

Jerusalem Jeder von uns hat heute die „Macht“ die Realität mitzugestalten. Das liegt in erster Linie an den Medien, die ihr Gewicht auf Online verlegt haben, Smartphones, die jederzeit und überall Zwischenfälle aufnehmen können und den mächtigen sozialen Netzwerken, unter anderem Facebook und Twitter, auf denen jene Artikel und jene Smartphone-Videos in Sekundenschnelle weltweit geteilt und kommentiert werden können.

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch-iranisch-israelischer Politologe, Publizist und Schriftsteller. Er lebt in Israel und schreibt regelmäßig für die NWZ. (Foto: privat)

Was auch immer geschieht – hitzige Diskussionen werden mittlerweile im Netz geführt, und sie stellen eine Art „Kompass“ der Gefühlslage der Nation für die Entscheidungsträger dar. So nehmen wir, ob wir wollen oder nicht, Teil am Geschehen auf den Straßen der USA im Anschluss an den Tod, beziehungsweise Mord an George Floyd. Und so nehmen wir seit mehreren Wochen gezwungenerweise auch Teil an der Diskussion um den afrikanischen Denker Achille Mbembe und der immer wieder aufflammenden Frage: Wo hört „Israelkritik“ auf, und wo beginnt Antisemitismus?

Um ehrlich zu sein, es macht müde, immer wieder den Versuch zu unternehmen, diese vermeintlich einfache Frage zu beantworten. Ich tue dies seit vielen Jahren, in Büchern, Artikeln, sozialen Netzwerken und auf Lesereisen. Doch ich scheine gegen kahle und kalte Wände anzureden. Im Endeffekt geht es darum, mit welcher ideologischen Attitüde man sich identifiziert und welcher Platz den Juden, beziehungsweise dem jüdischen Staat, darin zugeteilt wird.

Mbembe betrachtet Israel und die Palästinenser durch seine post-koloniale „Apartheid-Brille“. Bei ihm ist Israel der weiße Mann und der Palästinenser der schwarze Mann. Einfach nachzuvollziehen. Schwarz und Weiss. Alles andere wird komplett ausgeblendet. Es gibt bei ihm keine Grauzone. Auch keine Zone anderer Farben. Nur Schwarz und Weiss.

Historische Ignoranz

Der Ursprung des jüdischen Volkes scheint ihn nicht zu interessieren. Auch. dass es immer eine jüdische Gemeinschaft im Gebiet Palästina gab, die Seite an Seite mit Christen und Muslimen gelebt hat, blendet er aus. Geschweige denn, dass er akzeptieren und erwähnen würde, dass das „palästinensische Volk“ eine Erfindung der 1960er Jahre ist. Schließlich nannten sich vor 1948, vor der Wiedergründung Israels, in erster Linie die Juden Palästinenser.

Aber sei’s drum. Vieles kann der Otto-Normal-Verbraucher, der weder Historiker, noch Nahost-Experte ist, nicht nachvollziehen. Er bezieht sich auf seine Eindrücke, die er über Politik und Medien erhalten und gesammelt hat und seiner positiven oder negativen Verarbeitung des Holocaust. Somit sitzen die Menschen auf der Zuschauertribüne und werden sprichwörtlich „bombardiert“ mit Argumenten für und gegen die Legitimität der Aussagen Mbembes zu Israel.

Obwohl er jede Grenze zu legitimer Kritik am Staat Israel überschritten hat, indem er verbreitet, dass die „Besatzung Palästinas der größte moralische Skandal unserer Zeit“ sei und die Vorgehensweise des jüdischen Staates darauf hinziele eine „schrittweise Vernichtung“ der Palästinenser zu erreichen, wurde und wird ihm nach wie vor aus bestimmten Ecken zugejubelt. Das, obwohl sich seine Aussagen auf nur einen einzigen Staat in der 200-Mitglieder starken Staatengemeinschaft, den einzigen jüdischen Staat der Welt, beziehen, den er damit dämonisiert.

Es geht um die Deutschen

Das ist eindeutiger Israelbezogener Antisemitismus. Kein Zweifel.

Mbembe tut dies, obwohl er sich als Intellektueller bewusst sein sollte, dass „die Palästinenser“ sich in den letzten 70 Jahren weltweit vervierfacht haben. Das obwohl er als „Denker“ mitbekommen haben sollte, dass etwa 20 Prozent der Staatsbürger Israels muslimische Araber (also „Palästinenser“) sind, die angesehene Politiker, Akademiker, Ärzte, Anwälte und Moderatoren, sind. Das, obwohl sowohl im Jahr 2000 unter dem israelischen Regierungschef Ehud Barak, als auch im Jahr 2008 unter Regierungschef Ehud Olmert die Palästinenser Friedensverträge, die von der israelischen Seite unterschrieben waren, abgelehnt haben.

Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt über ein- und dieselbe sinnlose Diskussion. Von Mal zu Mal wird mir jedoch klarer, welch tiefe Spuren der Holocaust auch bei den Deutschen hinterlassen hat. Denn wer den einen oder anderen Artikel für oder gegen Mbembe gelesen hat, sollte ziemlich schnell zu der Erkenntnis kommen, dass es primär nicht um die Juden, Israel oder die Palästinenser geht, sondern um die Deutschen und ihre eigene Vergangenheitsverarbeitung.

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