Potsdam - So sauer sieht man Frank Bsirske selten. Demagogie, Provokation, Dreistigkeit, Missachtung, Geringschätzung, Ignoranz - der Verdi-Chef braucht keine fünf Minuten, um Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und dem Chef der kommunalen Arbeitgebervereinigung VKA, Thomas Böhle, alle möglichen Vorwürfe hinterherzurufen.

Die beiden Arbeitgebervertreter hatten zuvor ein Angebot für die rund zwei Millionen Beschäftigten von Bund und Kommunen vorgestellt. Für Bsirske ist es aber gar kein richtiges Angebot, für den Vize-Chef des Beamtenbunds, Willi Russ, eine Mogelpackung. Jetzt soll wieder massiv gestreikt werden - wohl auch wieder bei den Kitas.

Zwei Wochen lang dürfte es rund gehen auf den Straßen. Rathäuser und alle möglichen Verwaltungen von Bund und Kommunen dürften betroffen sein, kommunale Kliniken, vielleicht die Müllabfuhr. Den Streikfahrplan wollen Verdi, der Beamtenbund dbb und die Gewerkschaft GEW schnell ausarbeiten.

Denn statt drei Prozent mehr, wie die Arbeitgeber ihr Angebot beziffern, sind laut Bsirske nur 0,6 Prozent für 2016 und 1,2 Prozent für 2017 drin - wenn man die Jahre einzeln betrachtet und nicht das, was bis Mitte 2017 unterm Strich herauskommt.

Wie da zwei Welten aufeinanderprallen, lässt sich gut am Streit um die betriebliche Altersvorsorge erkennen. 20 bis 30 Prozent der Rente macht das bei den Betroffenen aus. Es geht um mehr als 20 kommunale und kirchliche Kassen der Zusatzversorgung mit einheitlichem Leistungsrecht. Um die Kassen zukunftsfest zu machen, zielte die VKA laut Gewerkschaften eigentlich auf eine Absenkung der Betriebsrenten.

Die Gewerkschaften wehrten sich mit Händen und Füßen. Allenfalls eine paritätische zusätzliche Belastung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei möglich, und auch nur bei finanziell schlecht dastehenden Kassen. Vielen von ihnen gehe es nämlich blendend. Doch die Arbeitgeber pochen auf einen generellen Zusatzbeitrag der Beschäftigten, um das System bezahlbar zu halten.

Dabei hatte es so gut ausgesehen. Bsirske und Böhle kennen und verstehen sich seit Langem. Und Teil der Tarifrunde soll eine geradezu historische Reform werden. Erstmals seit 1961 soll die Entgeltordnung grundlegend reformiert werden. Abwasser- oder Bademeister, Gärtner oder Denkmalpfleger, Feuerwehrmann oder Pfleger, Programmierer oder Ingenieur: Es geht um viele hundert Berufe - und 4000 Tätigkeitsmerkmale etwa je nach Qualifikation.

Die Ursprünge der Entgeltordnung stammen noch aus dem Kaiserreich. Seit Jahren verhandeln Gewerkschaften und Kommunen um eine Reform. Die einzelnen Beschäftigtengruppen sollen neu in die Lohnordnung eingruppiert werden. Gerecht soll es zugehen - und mehr soll es aus Gewerkschaftssicht für die meisten geben. Es ist die Grundlage für hunderttausende Beschäftigten auch für künftige Lohnsteigerungen - eine allein vom Umfang her riesige Aufgabe. Am Morgen hatte Bsirske noch von einem möglichen Durchbruch dabei gesprochen.

Ende April treffen beide Seiten wieder aufeinander. Beim Verlassen des Verhandlungshotels an einem Potsdamer See zeigte sich de Maizière unbeirrt vom Zorn der Gewerkschafter: „Jede Verhandlung hat „ne mürrische Phase, das gehört dazu.“