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NWZonline.de Nachrichten Politik

Keine Hilfe möglich

06.05.2015

Sanaa Hunderte Familien sind seit Wochen im Zentrum des südjemenitischen Aden in ihren Häusern eingeschlossen. Während um sie der Häuserkampf tobt, gehen ihre Vorräte zur Neige - versorgt werden sie lediglich von Freiwilligen, die auf dem Seeweg Nahrungsmittel und Medikamente herbeischaffen. Die Zivilisten stehen zwischen den Fronten der schiitischen Huthi-Rebellen auf der einen und den Anhängern des geflohenen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi auf der anderen Seite.

Seit 26. März unterstützt ein von Saudi-Arabien geführtes Militärbündnis Hadis örtliche Kämpfer mit Luftangriffen auf Huthi-Stellungen. Die Rebellen rücken gemeinsam mit Anhängern des 2012 zurück getretenen Machthabers Ali Abdullah Salih trotzdem immer weitere auf Aden vor, nachdem sie im vergangenen Jahr bereits die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Nordens erobert hatten.

Durch die Bodenkämpfe und Luftangriffe wurde die Infrastruktur Adens mit ehemals einer Million Einwohnern systematisch zerstört. Am Hafen wurden Getreidesilos bombardiert, weil sie den Huthi-Rebellen als Versteck dienten, so dass den Bäckereien der Stadt das Mehl ausgeht. Andere Bomben zielten auf Hotels, Schulen und sogar das wichtigste Einkaufszentrum, weil die Huthis sie als Sammelpunkte nutzten.

Nach Angaben der Vereinten Nationen stürmten Milizen auch Adens größte Klinik und entführten einige Patienten, während Ärzte und andere Kranke flüchteten. „Sie hungern uns aus“, sagt Mohammed Mater, der mit Frau und sieben Kindern seit Wochen ohne Strom und fließendes Wasser im Haus festsitzt - und von Thunfischkonserven, Datteln und Reis lebt.

Seine vierjährige Tochter Aischa fragt im Hintergrund: „Wie lange dauert der Krieg? Werden die Heckenschützen den Hügel verlassen?“ Wie Maters Familie sitzen Tausende in den am heftigsten umkämpften Bezirken fest - auf einer Halbinsel im Arabischen Meer, mit dem Festland durch eine Landenge verbunden, die weitgehend von den Huthis kontrolliert wird.

Die so isolierten Straßenzüge wurden zum Kriegsgebiet mit Panzerfeuer und Scharfschützen auf den Dächern. Tote und Verletzte liegen oft tagelang in den Straßen, weil aus Angst vor Heckenschützen keine Krankenwagen kommen. Manche Familien begruben ihre Angehörigen im Hinterhof. „Es ist wie ein großes Gefängnis hier. Vorne der Krieg, hinten das Meer“, sagt Mater. „Wir wurden zu Bettlern, die darauf warten, dass jemand ein Stück Brot oder Wasser hinwirft.“

Eine Gruppe namens „Für Dich, Aden“ sammelt Hilfsgüter und transportiert sie auf alten Booten rund fünf Kilometer durch den Hafen zu den Notleidenden. „Die Fahrt ist gefährlich, weil man von allen Seiten jederzeit beschossen werden kann, vor allem weil die Nahrungsmittel schlecht zu verstecken sind“, sagt Helferin Maha al-Sajjed. „Wir wissen, dass dies eine Mission ist, von der wir vielleicht nicht zurückkehren.“

Vergangene Woche warnte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, das Gesundheitssystem, die Wasserversorgung und das Telekommunikationsnetz des Landes seien „am Rande des Zusammenbruchs“. Der Jemen importiert 90 Prozent seiner Nahrungsmittel - nun kommen manche nicht mehr an. Was die Häfen noch erreicht, kann nur noch mit Schwierigkeiten verteilt werden. Die Preise für Kraftstoffe und Nahrungsmittel sind geradezu explodiert.

Nach UN-Angaben wurden landesweit mehr als 1200 Menschen getötet. Allein zwischen dem 26. März und dem 22. April starben demnach 551 Zivilisten, 1185 wurden verletzt. Rund 300 000 Menschen flohen vor der Gewalt. Die Huthi-Rebellen bestreiten, dass sie Wohngebiete unter Beschuss nehmen, und beschuldigen islamische Extremisten. „Es ist nicht im Interesse der Huthis, Zivilisten zu treffen“, sagt Sprecher Hamed Bachit.

Aden ist eine der letzten Hochburgen der Hadi-Anhänger. Vor seiner Flucht erklärte der Präsident die Stadt zur Interimshauptstadt. Zehntausende flüchteten in die wenigen relativ sicheren Viertel. Doch auch dort werden die Vorräte knapp. „Inzwischen kommen die Nahrungsmittel nur noch aus Lagern und gehen auch dort zur Neige“, sagt Naguib Babli von der Handelskammer der Stadt. Wasser wird mit Eselskarren verteilt, weil Wasserwerke bombardiert wurden oder weil ihnen der Kraftstoff für die Pumpen fehlt.

In dieser Woche eroberten Rebellen den Bezirk Chor Maksar auf der Landenge. Mit Listen von Milizenführern und Hadi-Anhängern durchsuchten sie Haus um Haus. Ein Sicherheitsbeamter berichtet anonym von Erschießungen auf der Straße.

Jasmin al-Achali aus Chor Maksar trauert um ihren jüngeren Bruder. Anfang vergangener Woche verblutete er nach einem Beinschuss. Als die Rebellen das Viertel überrannten und ihr Haus beschossen, in dem mehr als 30 Menschen ausharrten, flüchtete die 39-jährige. „Es war wie Blitz und Donner, als die Straßenkämpfe um uns tobten“, erzählt sie.

Auch der Schriftsteller Abdel-Rahman Abdel-Chalek floh am Freitag aus Chor Maksar. „Mehr als den Krieg fürchte ich, was danach kommt“, sagt er. „In welchem Land ich leben werde, wenn der Staub sich gelegt hat. Die Infrastruktur ist zerstört. Es gibt keine Flughäfen mehr in Aden, keine Hotels, keine Kliniken, nichts. Das Schlimmste kommt erst noch.“

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