• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik

Affäre: Engholms Rücktritt schockierte die SPD

03.05.2018

Kiel /Bonn 3. Mai 1993, es wird ein ganz bitterer Tag für die SPD. „Was Björn Engholm soeben bekanntgegeben hat, ist ein ganz schwerer Schlag für uns Sozialdemokraten“, sagte der damalige Parteivize Johannes Rau. Er meinte Engholms Rücktritt von allen Ämtern: Der damals 53-Jährige gab auf als SPD-Bundesvorsitzender, als designierter Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 1994 und als Ministerpräsident in Kiel. Bis dato hatte es gut für das Ziel der SPD ausgesehen, mit dem populären Pfeifenraucher und Schöngeist aus Lübeck Helmut Kohl als Kanzler abzulösen. Doch Engholms Rückzug stürzte die SPD in eine Führungskrise, und Kohl blieb am Ruder. Was war geschehen?

Engholm gab auf, weil ihm eine alte Falschaussage zum Kieler Barschel-Pfeiffer-Skandal von 1987 zum Verhängnis geworden war. Im damaligen Landtagswahlkampf hatte der Referent Reiner Pfeiffer aus der Staatskanzlei von CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel mit fiesen Tricks versucht, den SPD-Kandidaten unter Druck zu setzen. Engholm wurde als Feind behandelt. Pfeiffer ließ ihn bespitzeln, stellte mit einer anonymen Anzeige seine Steuerehrlichkeit infrage und quälte ihn als falscher Arzt am Telefon mit einem angeblichen Aids-Verdacht.

Erst am Vorabend der Wahl vom 13. September 1987 habe er von Pfeiffers Treiben erfahren, hatte Engholm stets gesagt. Doch sein Anwalt hatte ihn schon am 7. September informiert, und unter dem Druck eines Untersuchungsausschusses gab Engholm das dann 1993 auch zu. Schließlich rang er sich zum Rücktritt als SPD-Chef und als Ministerpräsident durch, der er seit 1988 war. „Engholm fehlte Kampfgeist“, kommentierte die Zeitung „Politiken“ aus Dänemark damals. Auch andere meinten, Engholm hätte trotz allen Drucks nicht aufgeben müssen. Er selbst sprach angesichts der Wissensdifferenz von wenigen Tagen einmal von einer Petitesse, einer Kleinigkeit. Aber er hatte eben nicht die Wahrheit gesagt, und das hatte eine große politische Dimension.

„Der Rücktritt war ein ex­tremer Schock für die Sozialdemokratie“, sagt der Göttinger Parteienforscher Matthias Micus. Ein bisschen ähnlich wie 2017 bei Martin Schulz seien mit Engholm enorme Hoffnungen verbunden gewesen, da man in ihm so etwas wie einen „politischen Antitypus“ gesehen habe – nachdenklich, Skandalen abhold, nicht machtbesessen. Für viele habe Engholm eine bessere Form eines Politikers verkörpert, sagt Micus. Dass Engholm dann doch zugeben musste, mehr über die Barschel-Affäre zu wissen, habe für die SPD dann einen enormen Vertrauensverlust bedeutet.

Der Rücktritt trug maßgeblich dazu bei, dass die SPD – mit Rudolf Scharping als Kanzlerkandidat – die Bundestagswahl 1994 verlor. Erst 1998 konnte die SPD mit Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat gewinnen und zusammen mit den Grünen Kohl ablösen.

In Schleswig-Holstein brauchte die SPD lange, um ihre schwere Vertrauenskrise zu bewältigen. Diese hatte nicht nur mit Engholm zu tun. Sechs Wochen vorher war nämlich der beliebte Ex-SPD-Landeschef Günther Jansen als Sozialminister zurückgetreten. Er hatte zuvor zugegeben, dass er nach dem Barschel-Skandal dem Affärenmann Pfeiffer viel Geld geschickt hatte, angeblich aus Mitleid. Weil Jansen die umgerechnet 25 000 Euro in einer privaten Schublade angespart haben will, wurde die Sache als „Schubladen-Affäre“ bekannt. Der Verdacht, das Geld sei von der SPD gekommen, wurde nie bewiesen. Jansen jedenfalls zeigte Galgenhumor: Nachdem seine Jahre zurückliegende Geldleistung an Pfeiffer publik geworden war, trug er zu einer Pressekonferenz eine Krawatte mit dem Aufdruck „Nobody is perfect“.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.