Berlin - Ein Kleinkind aus Berlin ist in der vergangenen Woche an Masern gestorben. Seit vergangenem Herbst grassiert die Kinderkrankheit in der Hauptstadt. 568 Fälle sind bisher gezählt worden. Die Behörden sprechen von einer „Epidemie“ und mahnen zur Vorsorge. Es ist der größte Ausbruch seit 2001. Zu Wochenbeginn blieb die erste Schule geschlossen.
Aus Sicht von Medizinern führt kein Weg mehr an einer Impfpflicht vorbei. „Spätestens der tragische Todesfall in Berlin sollte Anlass sein, jetzt zu einer Impfpflicht gegen Masern zu kommen“, erklärte Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Die eigenen Kinder nicht gegen Masern impfen zu lassen, ist verantwortungslos. Auf die Impfung zu verzichten, ist auch verantwortungslos gegenüber der Gesellschaft.“ Erst bei einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent sei „das Risiko epidemischer Ausbrüche gleich Null“.
Experten gehen davon aus, dass nur 80 Prozent der Deutschen gegen Masern geimpft sind. Auch wenn sich in der Großen Koalition die Stimmen für eine Impflicht mehren: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will noch auf Appelle an die Vernunft setzen. Er verweist allerdings auf das Präventionsgesetz, das derzeit von der Großen Koalition vorbereitet wird und für mehr Verbindlichkeit bei Impfungen sorgen soll: Bei der Aufnahme in die Kita soll künftig ein Nachweis über eine Impfberatung vorgelegt werden müssen. Außerdem muss bei Untersuchungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen künftig der Impfstatus überprüft werden und eine Impfberatung erfolgen. „Wenn all diese Maßnahmen nicht helfen, kann eine Impfpflicht kein Tabu sein.“
Dagegen sieht das Robert-Koch-Institut (RKI) Handlungsbedarf. „Die jetzigen Regelungen sind nicht ausreichend. Nur auf die Einsicht der Eltern zu setzen, genügt nicht“, sagte RKI-Präsident Reinhard Burger gegenüber dieser Zeitung.
