Sandkrug - Die Eltern in Sandkrug, die von dem personellen Notstand in der ev. Kindertagesstätte Roseggerstraße im Februar betroffen waren, werden nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Sie wollen ihren Unmut über die generelle Situation in den Kindergärten gegenüber der Politik kundtun. Dies ist eines der Ergebnisse einer erweiterten Elternratssitzung, die kürzlich in der Einrichtung stattgefunden hat.
„Ausnahmezustand in der Kindertagesstätte“ hatte Mitte Februar die Überschrift in der NWZ gelautet. Anlass war ein akuter Personalnotstand in der ev. Kita Roseggerstraße, der durch die Erkrankung vierer Mitarbeiterinnen entstanden war. Da eine Stelle zurzeit unbesetzt und auch im Vertretungspool der Gemeinde eine Stelle vakant ist, musste die Kita ihr Betreuungsangebot drastisch zurückfahren. Trotz der Ganztagsbetreuung, die viele junge Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen benötigen, mussten die Kinder schon mittags abgeholt werden. „Die Situation war für alle Seiten kaum noch auszuhalten“, betont Kita-Leiterin Gunda Köhrmann.
Über die Gründe für den personellen Notstand, der beileibe nicht nur die Kita in Sandkrug betrifft, sondern symptomatisch für viele Einrichtungen ist, besteht aus Sicht der Kirche, Gemeindeverwaltung und Politik durchaus Einigkeit. Die Attraktivität der Berufe in den Kindergärten sei in den zurückliegenden Jahren gesunken. Die Belastung des Personals nehme immer mehr zu: Mitte der 90er Jahre waren beispielsweise Ganztagsgruppen noch die Ausnahme, heute sind sie in der Kita Roseggerstraße die Regel (60 von 86 Kindern). Gleichzeitig werden die Kinder immer jünger. Mindestens ein Drittel ist erst drei Jahre alt und benötigt zusätzlichen Pflegeaufwand.
Zusätzliche Kräfte bringen keinen Anspruch auf Verfügungszeiten mit. Ab dem Sommer wird die Kita deshalb drei Mitarbeiterinnen haben, die nur dann an Dienstbesprechungen teilnehmen können, wenn die bestehenden Verfügungsstunden an anderer Stelle gekürzt werden, beklagt Köhrmann ein Dilemma. Ihr Fazit: Viele Fachkräfte nutzten heutzutage die Kindergärten nur noch als Sprungbrett in andere Aufgaben.
SPD-Landtagsabgeordneter Axel Brammer kritisiert, dass der Fachkräftemangel sich schon vor Jahren landesweit angekündigt habe. Zu einer Attraktivitätssteigerung gehöre auch eine bessere Bezahlung. Dies und die Erhöhung der Verfügungsstunden müssten Priorität besitzen vor der Einführung generell kostenloser Kitaplätze, so der Landtagsabgeordnete.
In der Landesregierung wird schon seit längerem an einer Novellierung des Kindertagesstättengesetzes gearbeitet. Doch welche Verbesserungen es bringt, ist noch unbekannt. Hattens zuständige Amtsleiterin Marianne Wentzel spürt dagegen den Fachkräftemangel auf dem Markt. Seit August 2014 sei eine Vertretungsstelle vakant und hätte trotz viermaliger Ausschreibung bislang nicht wieder besetzt werden können. Als mögliche Lösung, der Personalknappheit Herr zu werden, sieht sie eine verkürzte Ausbildung zu Kinderpflegerinnen. Die Ausbildung von Erzieherinnen dauert dagegen vier Jahre, die von Sozialassistentinnen drei Jahre.
Auch die Amtsleiterin sieht die Gefahr, dass der Bildungsauftrag der Kindergärten notgedrungen immer mehr in den Hintergrund rückt, weil der pflegerische Bedarf – bei den dreijährigen Kindern – zugenommen hat. Gleichzeitig warnt sie vor einer Lösung des Fachkräfteproblems, indem den Gemeinden freigestellt werde, wie ihr Personalschlüssel aussehe. Der dann einsetzende Wettbewerb zwischen reichen und finanziell schwächeren Gemeinden würde erst recht zu Lasten der Kinder gehen. Ihrer Einschätzung nach haben alle Kitas im Weser-Ems-Gebiet mit vergleichbaren Problemen zu kämpfen. Für Notfälle müsse über den Einsatz zertifizierter Tagesmütter in Kitas nachgedacht werden. Zurzeit ist die Rechtslage so, dass zertifizierte Tagesmütter Kinder in ihren eigenen Räumen betreuen dürfen, aber nicht in öffentlichen Räumen.
Elternvertreter betonten nicht nur, dass sie auf die Verlässlichkeit der Ganztagsbetreuung schon in Kindergärten angewiesen seien. Sie zeigten auch Lösungsansätze auf, wie sie in anderen Bundesländern praktiziert werden. In Bremen fördern Jobcenter z.B. die Umschulung zur Sozialassistentin.
