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NWZonline.de Nachrichten Politik

Nwz-Interview Mit Egon Bahr Zum Mauerfall: Kohl hatte die Situation begriffen

07.11.2014

Frage: Herr Bahr, wie erinnern Sie sich an den 9. November 1989?

Bahr: Ich hatte mir an dem Nachmittag die Tagesordnung im Bundestag angeschaut. Besonderes war da nicht mehr zu erwarten. Deshalb bin ich nach Hause gegangen. Später habe ich das Fernsehen angeschaltet. Da sah ich, wie Menschen in Berlin auf der Mauer tanzten. Nach zwanzig Sekunden wusste ich: Das ist kein Schauspiel, keine Inszenierung, sondern echt! Mir war sofort klar, dass dieser Abend der Anfang vom Ende der DDR sein würde. Ohne die Mauer konnte die DDR nicht mehr existieren.

Frage: Wie ging es dann weiter?

Bahr: Das Telefon klingelte. Willy Brandt war dran. Anders als ich war er pflichtbewusst im Bundestag geblieben. Er fragte: „Weißte, was los ist?“ – „Ja“, antwortete ich. Und dann wieder Brandt: „Da staunste, was? Haste nicht geglaubt, was?“ – „Nein“, sagte ich. Dann kam er zum eigentlichen Sinn seines Anrufs. Walter Momper als Regierender Bürgermeister von Berlin hatte uns zur großen Kundgebung am Tag danach vor dem Schöneberger Rathaus eingeladen. Wenige Stunden später saß ich mit Brandt im Flugzeug nach Berlin.

BILD: dpa
SPD-Politiker Egon Bahr BILD: dpa

Langjähriger Vertrauter Willy Brandts

Der SPD-Politiker Egon Bahr (92) gilt als langjähriger Vertrauter des ehemaligen Kanzlers Willy Brandt und war von 1972 bis 1974 dessen Minister für besondere Aufgaben. Bahr wird als Architekt der Ostverträge („Wandel durch Annäherung“) bezeichnet.

Frage: Wie war die Situation dort?

Bahr: Ich traf Horst Teltschik, Helmut Kohls damals wichtigsten Berater im Kanzleramt. Er sagte, Michael Gorbatschow habe aus Moskau ein Telegramm geschickt. Die Situation sei sehr labil. Alle müssten sich ihrer Verantwortung bewusst sein und sehr vorsichtig agieren. Brandt hatte das gleiche Telegramm von Gorbatschow erhalten. Sowohl er als auch Kohl antworteten, dass wir uns bewusst sind, wie schwierig die Lage ist.

Frage: Wann war Ihnen klar, dass es nicht zu einer Kurzschlussreaktion der Führung in Moskau kommen würde?

Bahr: Momper sprach vor dem Schöneberger Rathaus. Er sagte, dass er mit seinem Ostberliner Kollegen weitere Grenzübergänge verabredet hatte, worum ich mich vergeblich bemüht hatte.

Frage: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ - anders als viele andere in der SPD erkannte Brandt sofort, dass die Chance auf Veränderung, womöglich sogar auf die Einheit besteht...

Bahr: Brandt hatte den Satz so ähnlich schon einmal kurz nach dem Mauerbau gesagt. Weder er noch ich haben am 9. November 1989 konkret an die Einheit gedacht. Wir wussten, dass sich hier eine Entwicklung vollzieht, an dessen Ende die Selbstbestimmung aller Deutschen stehen würde. Wann es soweit sein würde, war nicht abzusehen.

Frage: Brandts Witwe Brigitte Seebacher hat neulich erklärt, der Mauerfall habe Ihnen nicht in den Kram gepasst. Was entgegnen Sie?

Bahr: Das ist Quatsch! Ich habe schon 1970 mit den Russen über den Moskauer Vertrag verhandelt. Da ging es um bessere Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion. Ich habe immer an die deutsche Einheit geglaubt. Ich war überzeugt, dass man ein großes Volk in der Mitte Europas nicht auf Dauer gespalten halten kann. Und unser Recht auf Selbstbestimmung wurde in einem Brief formuliert, der von Moskau und später von der DDR angenommen wurde.

Frage: Warum war die SPD so zögerlich angesichts der Veränderungen in der DDR und des Machtverlusts ihrer langjährigen Gesprächspartner von der SED?

Bahr: Für Brandt war der Mauerfall die Erfüllung seines Lebenstraums. Oskar Lafontaine war der andere Pol. Er empfand beim Gedanken an ein Ende der Teilung keine Begeisterung. Hans-Jochen Vogel versuchte als damaliger SPD-Chef, zwischen Brandt und Lafontaine, zwischen diesen beiden Flügeln, zu vermitteln. Aber es war hoffnungslos. Helmut Kohl wurde mit Recht zum Kanzler der Einheit. Er hat die Situation begriffen und hatte Mut und das notwendige Glück, obwohl er vorher wie die Mehrheit der Westdeutschen nicht auf Einheit gedrängt hatte. Aber die Entwicklung ging in eine andere Richtung...

Frage: Weshalb?

Bahr: Kohl und Brandt haben 1990 jeder für sich das Wort Unrechtsstaat vermieden. Es ging ihnen um Versöhnung. Doch das Gegenteil passierte: Aufarbeitung erlittenen Unrechts. Darunter leiden wir bis heute.

Frage: Teile der Linkspartei wollen die DDR nicht als Unrechtsstaat bezeichnet wissen. Gibt Ihnen das zu denken?

Bahr: Diese Debatte dient wohl eher dazu, Rot/Rot/Grün in Thüringen zu verhindern. Für mich ist klar: Die DDR war eine Diktatur. Nicht alle Menschen hatten dieselben Rechte.

Rasmus Buchsteiner Korrespondentenbüro Berlin
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