London - Seit König Jakob VI. von Schottland im Jahr 1603 zu Jakob I. von England wurde, haben Schotten und Engländer denselben Monarchen. Und obwohl es seit dem Unionsvertrag von 1706 ein Teil des Vereinten Königreiches ist, hat sich Schottland seine sehr eigene Identität bewahrt. Im Sommer 2014 ging ein schottisches Referendum für die staatliche Unabhängigkeit von Großbritannien verloren. Durch den „Brexit“ dürften diese Fliehkräfte nun neuen Antrieb bekommen - denn die Schotten sind sehr EU-freundlich.

Dabei ist Schottland selbst kein homogenes Land - und ist es nie gewesen. Der geistige Graben zwischen Hochland und Tiefland besteht schon seit der Schlacht zwischen Römern und Kaledoniern am Mons Graupius im Jahr 83 vor Christus. Besonders tief war er im 18. Jahrhundert in der Zeit der konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, nachdem König Jakob II. (1685-1688/89) die gefestigte Stellung der Stuarts durch eine stark prokatholische Politik verspielte.

Das Misstrauen gegenüber den Highlandern blieb: Sie sprachen eher Gälisch als Englisch, waren eher katholisch als presbyterianisch - und tendenziell Jakobiten. Zwei sogenannte Jakobiten-Aufstände versuchten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Herrschaft der Stuarts wiederherzustellen. Nach deren Niederschlagung setzten eine Auswanderung aus dem Hochland nach Amerika und eine zunehmend brutale „Befriedung“ der Highlands ein. Menschen wurden in Säuberungswellen durch Schafe ersetzt.

Natürlich gibt es solcherart Vorbehalte auch umgekehrt. So zitiert der Schriftsteller James Hunter in seiner „Geschichte der Highlands“ einen Farmer aus dem Hochland, der in Zusammenhang mit dem gescheiterten Referendum zur Dezentralisierung 1979 sagte: „Kann sein, dass die in London auf uns hier oben pfeifen - aber in Edinburgh, da hassen sie uns.“

Noch mehr unterscheiden sich die nördlichen Inseln, Orkney und Shetland, von der Mentalität des Festlands. Sie gehörten ursprünglich zu Norwegen und kamen erst im späten 15. Jahrhundert an Schottland. Shetland ist ein Zentrum der nationalen Ölindustrie - und könnte zu einem großen Teil zum Bruttoinlandsprodukt eines unabhängigen Schottland beitragen.

Ein wichtiger Faktor für das Gefühl der Schotten im Vereinigten Königreich ist der Londoner Zentralismus - der sie freilich ebenso betrifft wie die Nordiren und Waliser. Die Schotten fühlen sich von Westminster dominiert - wie es etwa in den 80er Jahren bei der Reform der kommunalen Grundsteuer offenbar wurde. Das von London vorab in Schottland durchgesetzte System war kompliziert und höchst unpopulär. Doch erst als es im Jahr darauf bei der Einführung in England darüber zu gewaltsamen Ausschreitungen kam, wurde die Reform zurückgenommen.

Beim schottischen Referendum für die Unabhängigkeit von Großbritannien im September 2014 stellte sich die Frage der EU-Mitgliedschaft. Ein unabhängiges Schottland hätte wohl - anders als ein dann verkleinertes Großbritannien - neu um eine Aufnahme als 29. EU-Staat anfragen müssen.

Durch den nun beschlossenen „Brexit“ läuft die Frage auf andere Weise: Die Briten gehen raus aus der EU - und wenn die Schotten die EU wollen, brauchen sie sowohl die Unabhängigkeit von London als auch ein neues Beitrittsverfahren. All diese Schritte wären maximal kompliziert. Die Diskussion darüber haben dennoch längst begonnen.

In Schottland stimmten am Donnerstag 62 Prozent für den EU-Verbleib und nur 38 Prozent dagegen. Der Erste Minister Nicola Sturgeon sagte bereits, ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum sei damit „sehr wahrscheinlich“. Und der Beauftragte der Kirche von Schottland für Fragen von Kirche und Gesellschaft, Richard Frazer, hielt fest, die Entscheidung hätten die Menschen in Großbritannien insgesamt getroffen - die Schotten hätten aber anders votiert. „Ich denke, das ist eine Entscheidung, die viele Menschen noch bereuen werden.“