Krakau/Auschwitz/Oppeln - Das wird heute ein kurzer Eintrag. Auschwitz ist etwas, das erst einmal verdaut werden will. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Ort besuche. Ich hoffe jedes Mal, es sei das letzte Mal. Das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz ist eine Mord- und Todesfabrik, die wohl bei jedem Emotionen auslöst. Man kann das deutlich erkennen, wenn man eine Gruppe junger Leute beobachtet: Zuerst, bevor es in die Gedenkstätte geht, wird noch gescherzt und gelacht. Ist die Führung dann beendet, ist von Fröhlichkeit vorerst nur noch wenig zu sehen.

Ich habe mich in Auschwitz mit Pawel Sawicki getroffen. Er ist dort Besucherführer und Öffentlichkeitsarbeiter. Außerdem ist er einer, der über die Art und Weise des Gedenkens, die Funktion von Gedenken in der heutigen Zeit und die Veränderungen, die es über Jahrzehnte erfuhr viel nachdenkt. Mit ihm habe ich ein langes Gespräch geführt. Sawicki sieht Auschwitz ganz klar als einen europäischen, ja weltweit wichtigen Gedenkort. „Auschwitz ist eine Menschheitserfahrung“, sagte er mir. Es gehe heute vor allem darum, diese Verbrechen nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen und immer wieder darauf hinzuweisen, dass Auschwitz eine Vorgeschichte hat. Eine Vorgeschichte, die eben nicht mit Gaskammern und dem Völkermord an Juden begann, sondern mit Worten. Das sei eine Lektion für Europa, die in manchen Fällen durchaus in Vergessenheit zu geraten drohe.

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Für mich schloss sich hier heute auch ein Kreis dieser Tour: In Theresienstadt hatte ich vor einer Woche mit dem Direktor des Ghetto-Museums gesprochen. Die Juden, die dort, am Südhang des Erzgebirges, einst zusammengepfercht waren, gingen einem gewaltsamen Tod entgegen - die meisten in Auschwitz. Die SS benutzte in Theresienstadt wie in Auschwitz den gleichen zynischen Spruch, um ihre Opfer zu verhöhnen. So begegnete ich einem Teil Theresienstadt hier wieder. (Siehe Bilderstrecke)

Rund eine Stunde von Auschwitz entfernt erhebt sich ein weiterer europäischer Gedenkort – der Sender Gleiwitz. Mit einem fingierten „Überfall“ polnischer „Soldaten“ auf diesen deutschen Radiosender schufen die Nazis einen Vorwand für den Angriff auf Polen. Das war der Beginn des zweiten Weltkriegs. Der Turm – einer der höchsten Holzbauten weltweit – hat den Krieg überlebt. Es gäbe sicher viel über die Wunder dieser Konstruktion zu sagen – wäre da nicht die historische Hypothek, die mit ihm verbunden ist. Es lohnt auch daran zu denken, dass dieser Krieg, der von Deutschen vom Zaune gebrochen wurde, letztlich dazu führte, dass die Grenzen in Europa verschoben worden sind und Gleiwitz –und ganz Schlesien – heute zu Polen gehört.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk