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NWZonline.de Nachrichten Politik

Kreative und Experten debattieren über Ukraine

22.09.2014

Bukarest Manche Zahlenkombinationen lösen unweigerlich Assoziationen aus. Dazu gehört die Formel „1914-2014“. Dass sie wegen des Ukraine-Konflikts gespenstische Erinnerungen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und daher Angst weckt, hält der bulgarische Politologe Ivan Krastev für einen Fluch: „Jubiläen wirken wie Flächenbomben“.

Die vielen Bücher, die in diesem Jahr über den 100 Jahre zurückliegenden Kriegsbeginn erschienen sind, prägten die Wahrnehmung der heutigen Politiker so sehr, dass „sie am meisten Angst vor eigenen Überreaktionen haben“, konstatiert Krastev, einer von 20 klugen Köpfen aus Europa, die am Wochenende in Bukarest auf Einladung der S. Fischer Stiftung, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des Bukarester New Europe College über die Spannungen im Osten des Kontinents diskutiert haben. Motto der Veranstaltung: „1914-2014. Was, wenn Europa versagt?“

Sind die Europäer Gefangene einer von Déjà-Vu und Vorurteilen gefilterten Wahrnehmung? Ja, meint der deutsche Historiker Jörn Leonhard. Beruhigenderweise sieht er darin aber auch nur eine von sehr wenigen Parallelen zwischen der Situation heute und vor 100 Jahren. Auch im Juli 1914 hätten die Politiker Europas aus der Fülle der Informationen über die Realität nur das wahrgenommen, „was in das eigene Szenario passte“. Wird sich aber die „Büchse der Pandora“ - so der Titel von Leonhards hochgelobtem Weltkriegs-Buch - jetzt wieder öffnen? „Das ist eine Millionen-Dollar-Frage“ - der Freiburger Historiker wagt keine Prognose. Mutiger ist dafür der Gastgeber Andrei Plesu, rumänischer Ex-Außenminister und Direktor des New Europe College: „Putin wird seine Ziele auch ohne Krieg erreichen. Nur wir glauben, dass er dazu einen Krieg nötig hat.“

Heftigen Streit löste die Frage aus, ob die Ukraine im aktuellen Konflikt als eine Art strategische Pufferzone benötigt werde. Dabei riss es den deutschen Historiker Karl Schlögel, einen profunden Russlandkenner, vor Empörung geradezu aus dem Sessel: „Die Ukraine hat das Recht, keine Pufferzone zu sein!“ Wer dürfe überhaupt Pufferzonen definieren? Ob es nun Krieg gibt, oder nicht, nach Überzeugung Schlögels ist es jedenfalls „der schlussendliche Ehrgeiz des Manns im Kreml, die Europäische Union zu zerstören“.

Die EU müsse endlich begreifen, dass im Konflikt mit Russland nicht die Ukraine die Pufferzone sei, sondern „ganz Europa“, meinte die oppositionelle ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko. Putins wirklicher Gegner seien nämlich die USA, nicht Europa. Wobei allerdings - wie es der schwedische Schriftsteller und Osteuropa-Kenner Richard Swartz formulierte - die Zeiten der „pax americana“ vorbei seien - Europa müsse ohne Hilfe von der anderen Seite des Ozeans klarkommen.

Zur Ratlosigkeit über die Zukunft, die aus Moskau auf Europa zukommt, gesellte sich auch Unsicherheit im Umgang mit dem Begriff Nation. Dem rumänischen Kunsthistoriker und Publizisten Andrei Cornea blieb der Unterschied zwischen dem konstruktiven Patriotismus und dem fremdenfeindlichen Nationalismus unklar. „Angst, Angst, Angst“ vor Arbeitslosigkeit und Immigranten sei die Ursache der paranoiden Nationalismen, meinte die ungarisch-slowakische Schriftstellerin Ilma Rakusa. Als Gegengift verlangte sie, ebenso wie ihre kroatische Kollegin Slavenka Drakulic, größtmögliche Autonomie für Europas Regionen. Dies klingt für Rumänen gefährlich, weil hier die aus Budapest geförderten Autonomiebestrebungen der ungarischen Minderheit Sorgen bereiten.

Einig war man sich darüber, dass im EU-Land Ungarn der Rechtspopulist Viktor Orban Nationsbegriffe des 19. Jahrhunderts aus der Mottenkiste hole, um damit sein Volk für den „illiberalen Staat“ mit Anleihen beim Putin-Modell zu begeistern, den er nach eigenen Worten aufbauen will. Neidisch blickte der ungarische Schriftsteller und Orban-Kritiker György Dalos auf die Ukraine, wo die Menschen „sogar bei minus 25 Grad“ für Europa auf die Straße gingen. „Die Ungarn brauchen dafür mindestens plus 15 Grad“, klagte Dalos.

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