Oldenburg - Das Gebäude an der Bremer Straße betraten viele junge Männer mit einem mulmigen Gefühl. Manche hatten schlaflose Nächte hinter sich, weil sie das Ergebnis der Untersuchung fürchteten. Einige wollten nur mit dem höchsten Tauglichkeitsgrad wieder rausgehen (um beispielsweise Jet-Pilot zu werden), andere hofften auf Ausmusterung. Am vergangenen Montag stand der letzte Kandidat vor den Amtsärzten. Im Kreiswehrersatzamt ist nun aber Schluss mit Hörtest, Reflex-Check und Hodengriff. An diesem Freitag schloss die Behörde. Nach 56 Jahren ist eine Ära zu Ende gegangen.
Im Zuge der Bundeswehrreform wurden alle verbliebenen 52 Kreiswehrersatzämter ausgemustert. Um künftig Nachwuchs zu gewinnen, richtet die Bundeswehr sogenannte Karrierecenter ein, das nächstgelegene wird in Wilhelmshaven sein. Die dortige Leitung übernimmt Sabine Upmann, die bis Freitag verantwortlich für das Oldenburger Kreiswehrersatzamt zeichnete. Von ihren 50 Mitarbeitern verabschiedete sich die Leitende Regierungsdirektorin am Mittwoch, den gestrigen Freitag verbrachte sie bereits in Wilhelmshaven.
Das Kreiswehrersatz Oldenburg gehörte zu den größten im Land. Zuständig war es auch für Delmenhorst und Emden sowie für die Landkreise Ammerland, Aurich, Cloppenburg, Diepholz, Friesland, Leer, Oldenburg, Vechta, Wesermarsch und Wittmund. Wie viele junge Männer in Oldenburg seit 1956 gemustert wurden, weiß Sabine Upmann nicht: „Das ist Vergangenheit.“ Ein Sprecher der Bundeswehr schätzt, dass es etwa 400 000 Musterungen waren.
Nach mehreren Umzügen waren die einzelnen Fachgebiete des Kreiswehrersatzamtes 1986 unter einem Dach im Dienstgebäude an der Bremer Straße 71 vereinigt worden. Der Neubau entstand an traditionsreicher Stelle. Dort befand sich einst die Reiterunterkunft der Oldenburger Dragoner.
Die mehr als 120 Jahre alten Altbauten der Kaserne waren bereits Anfang der 1980er Jahre abgerissen worden. Der Baubeginn in Osternburg verzögerte sich mehrfach, weil das Raumprogramm der Dienststellen (Kreiswehrersatzamt und Standortverwaltung) überarbeitet werden musste. Im Juni 1986 erfolgte schließlich die feierliche Eröffnung des rund 2,2 Millionen Euro teuren Baus. An die ehemalige Dragoner-Kaserne erinnert bis heute das Sandsteinmonogramm „GNF“ (Großherzog Nikolaus Friedrich Peter) an der Fassade.
In der Behörde arbeiteten zeitweise 180 Beamte und Angestellte. Zu ihren Aufgaben gehörte neben Musterung und Einberufung von Wehrpflichtigen auch Berufsförderung von Soldaten. Zuletzt wurde die Arbeit aber immer weniger – insbesondere seit Aussetzung der Wehrpflicht vor zwei Jahren.
Die 50 verbliebenen Mitarbeiter des Kreiswehrersatzamtes wechseln zum Teil ins neue Karrierecenter nach Wilhelmshaven. Größtenteils bleiben die Leute aber im Dienstgebäude an der Bremer Straße. Ihr Aufgabengebiet ändert sich allerdings. Künftig befassen sie sich mit der Verpflegung der Truppe. Denn das Verpflegungsamt an der Gasstraße (Aufgabenschwerpunkt ist die Versorgung der Streitkräfte bei Einsätzen im Ausland) wird vergrößert und personell deutlich aufgestockt. Hintergrund ist ein neues Konzept. Dies sieht vor, dass die Räumlichkeiten des Kreiswehrersatzamtes übernommen werden.
