Die jüngsten leiden besonders unter dem Krieg in der Ukraine – direkt und indirekt. Viele Kinder und Jugendliche haben ein hohes Risiko an psychischen Störungen zu erkranken, davon geht das Kinderhilfswerk Unicef aus. Geschäftsführer Christian Schneider besuchte die Ukraine im Herbst und spricht über die aktuelle Lage für die Kinder.

Herr Schneider, bei uns sind die Weihnachtstage schon vorbei, in der Ukraine wird das Fest traditionell erst am 7. Januar gefeiert. Normalerweise würden sich die Kinder in der Ukraine jetzt auf das Fest freuen. Wie ist es in diesem Jahr?

SchneiderDurch die Raketenangriffe ist nicht nur die Energieversorgung betroffen, sondern auch Gesundheitseinrichtungen, Schulen und zivile Wohngebiete. Der Krieg betrifft jedes Kind in der Ukraine. Ich glaube, weiter weg von einer Weihnachtsidylle kann man nicht sein.

Zur Person

Unicef-Chef: Christian Schneider ist seit 2010 Geschäftsführer von Unicef Deutschland. Schneider studierte Ethnologie, Politikwissenschaften und Publizistik. Seit 1998 ist er bei Unicef.

Ukraine-Besuch: Im November reiste er in die Ukraine, um sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen.

Wie funktioniert denn der Alltag, können die Kinder die Schule besuchen für die Kinder?

SchneiderDie gute Nachricht ist, dass die Ukraine grundsätzlich ein gutes digitales Schulsystem hat. Aber viele Kinder und Jugendliche haben kriegsbedingt leider keine Laptops. Hinzukommt, dass der Strom regelmäßig ausfällt. Gerade für die seelische Gesundheit der Kinder ist der Zusammenhalt in der Klasse und die Struktur eines geregelten Schulalltags enorm wichtig. Es ist aber so, dass nur drei von fünf Schulen sicher sind und einen Luftschutzkeller haben. Dieser Ausnahmezustand richtet vor allem in der Psyche der Kinder sehr großen Schaden an.

Können Sie benennen, wie viele Kinder psychisch belastet sind?

SchneiderUnicef schätzt, dass etwa 1,5 Millionen Kinder in der Ukraine ein sehr hohes Risiko haben, an Depressionen, an Angstzuständen und an posttraumatischen Belastungsstörungen zu erkranken. Mütter berichten, dass sie schon für Zweijährige psychologische Hilfe brauchen, weil sie nicht wissen, wie sie ihr Kind beruhigen können. Ich bin aber immer vorsichtig mit dieser Zahl, weil wie viele Kinder tatsächlich betroffen sein werden, lässt sich im Moment noch nicht genau abschätzen.

RS-Virus, Corona, Grippe: In Deutschland sind aktuell viele Kinder krank. Wie ist die Lage in der Ukraine?

SchneiderIch habe noch von keiner Krankheitswelle gehört, aber wenn der Strom ausfällt, können Krankenhäuser nicht richtig arbeiten. Das ist sehr dramatisch für Kinder mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen. Deswegen ist für Unicef die Bereitstellung von Generatoren von riesiger Bedeutung, damit auch die Kinderkrankenhäuser und Geburtsstationen weiterarbeiten können.

Eine Geburt unter Kriegsbedingungen ist sicherlich besonders schwer. Wie geht es den werdenden Müttern?

SchneiderViele werdende Mütter leiden schwer unter den Belastungen dieses Krieges und haben Angst um ihre Kinder. Dadurch entsteht Stress, der dann eben auch Frühgeburten oder sehr komplizierte Schwangerschafts- und Geburtsverläufe verursachen kann. Deshalb ist es für Unicef sehr wichtig, Mütter in dieser Situation gezielt zu versorgen.

Wie unterstützen Sie Mütter?

SchneiderUnicef hat seit Kriegsbeginn insgesamt etwa 12 000 Tonnen an Hilfsgütern ins Land gebracht. Dazu gehören Winterkleidung, warme Decken und Heizgeräte. Für viele Familien bringen wir aktuell auch Bargeldzahlungen auf den Weg. So können Mütter selbst entscheiden, was sie brauchen. Das hat auch etwas mit Würde zu tun.

Und was braucht es Ihrer Meinung nach noch?

SchneiderIch glaube, es braucht vor allem in der Politik den langen Atem. Bereits jetzt wurden schon 700 Gesundheitseinrichtungen und über 900 Schulen zerstört oder beschädigt und weit über 1100 Kinder verletzt oder getötet. Das darf nicht sein. Der Krieg muss aufhören, aber weil ein Ende nicht in Sicht ist, müssen Kinder dringend besser geschützt werden. Dafür braucht es tatsächlich weiter viel an finanzieller Unterstützung. Aber auch andere Hilfen sind wichtig.

Zum Beispiel?

Schneider Wir haben etwa 140 Spilno-Kinderzentren im ganzen Land aufgebaut. „Spilno“ heißt zusammen. Das sind Orte für Kinder, wo sie für ein paar Stunden geschützt sind, wo sie spielen können und wo sich sehr gut geschulte Betreuer und Psychologen um sie kümmern. Über 50 der Spilno-Zentren haben wir mit Heizungen ausgestattet, damit diese Hilfe auch über den Winter weitergehen kann.

Dafür braucht es auch Personal. Gibt es genügend Sozialarbeiter und Betreuer?

Schneider Es gibt großartige Partnerorganisationen in der Ukraine, die hervorragende Arbeit machen und unglaublich motiviert sind. Und unter den Menschen vor Ort gibt es viele Engagierte. Ich erinnere mich an eine freiwillige Helferin, die mir erzählt hat, dass sie jeden Tag in ein Spilno-Zentrum kommt, um für die Kinder da zu sein. Und das gibt auch ihr Kraft. Insgesamt zeigen die Menschen eine unglaubliche Widerstandskraft. Sie setzen alles daran, um zu zeigen: Wir bleiben hier, das ist unser Land, hier ist unsere Zukunft.