Deauville/Ouistreham - Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin aufgefordert, für eine Stabilisierung der Lage in der Ukraine alles in seiner Macht stehende zu tun. Merkel habe bei ihrem Treffen mit Putin im französischen Badeort Deauville die Überzeugung geäußert, dass nach der international anerkannten Präsidentenwahl in der Ukraine jetzt die Zeit genutzt werden müsse, „um eine Stabilisierung der Lage insbesondere in der Ostukraine zu erreichen“, teilte die Bundesregierung am Freitag nach dem Gespräch mit. Russland müsse seiner großen Verantwortung dabei gerecht werden.

Nach Angaben aus deutschen Delegationskreisen dauerte das Gespräch am Rande der D-Day-Gedenkfeierlichkeiten in der Normandie knapp über eine Stunde. Merkel hatte in den vergangenen Wochen immer wieder mit Putin telefoniert, ihn zuletzt aber am 6. September beim G20-Gipfel im russischen St. Petersburg persönlich getroffen.

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Interfax: „Putin und Merkel haben sich voll und ganz auf die ukrainischen Angelegenheiten konzentriert – auf die Suche nach einer ukrainischen Lösung.“ Auf die Frage, ob es auch um Meinungsverschiedenheiten gegangen sei, sagte der bei dem Treffen anwesende Peskow: „Genau dem war das Gespräch gewidmet.“ Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow sagte der Staatsagentur Itar-Tass, beide Seiten hätten nach Kompromissen gesucht.

Zur Begrüßung hatten sich Merkel und Putin kurz die Hand gegeben, die Atmosphäre wirkte kühl. Beide saßen vor den Flaggen ihrer Länder an einem kleinen Tisch relativ weit voneinander entfernt. Merkel begegnete Putin mit ungewohnt ernst wirkendem Gesichtsausdruck, zeitweise mit demonstrativ hochgezogenen Augenbrauen und einem strengen, ermahnend wirkenden Blick. Putin setzte sich breitbeinig auf die andere Seite des Beistelltischs, das ihn von Merkel trennte und schaute ebenfalls demonstrativ von der Kanzlerin weg zur Seite.

Nach früheren russischen Angaben sollte in Deauville ein Plan auf dem Tisch liegen, um die schwerste Sicherheitskrise in Europa nach Ende des Kalten Krieges zu entschärfen. Aus deutschen Regierungskreisen war dazu nichts zu hören. Merkel setzt in der Ukraine-Krise auf einen Dreiklang von Dialogbereitschaft gegenüber Putin, Unterstützung für die Ukraine und Sanktionsdrohungen gegenüber Russland.

Nach dem Treffen mit Putin nahm Merkel auf Einladung des französischen Präsidenten François Hollande in Bénouville knapp 40 Kilometer westlich von Deauville an einem gemeinsamen Mittagessen der Staats- und Regierungschefs teil.

In einem Beitrag für die französische Zeitung „Ouest France“ schrieb die Kanzlerin aus Anlass der Gedenkfeiern: „Frieden und Freiheit können schnell infrage gestellt werden. Der Konflikt in der Ukraine zeigt uns das. Die Sorge ist groß zu sehen, dass neue Gräben und Trennlinien entstehen.“

Laut einer Umfrage sind 89 Prozent der Deutschen der Meinung, dass die westlichen Staaten weiterhin im Gespräch mit Russland bleiben sollen. Nur 9 Prozent hätten die Überzeugung geäußert, dass man Russland so weit wie möglich isolieren sollte. Das ergab eine Umfrage des ARD-„DeutschlandTrends“. An diesem Dienstag wollen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein russischer Kollege Sergej Lawrow in St. Petersburg weiter über den Ukraine-Konflikt beraten.

US-Präsident Barack Obama zog indessen in seiner Rede bei einer Gedenkzeremonie in Colleville-sur-Mer Parallelen zur Gegenwart: „Lasst uns für heute, da wir weiter für Freiheit und universelle Menschenrechte kämpfen, Kraft aus dem Moment ziehen, als freie Nationen die Mächte der Unterdrücker zurückgeschlagen und der Welt neue Hoffnung geschenkt haben“, sagte Obama am Freitag.

„Amerikas Anspruch – die Verpflichtung zu Freiheit, Gleichheit und Freizügigkeit, zur angeborenen Würde eines jeden Menschen – dieser Anspruch ist mit Blut auf diesen Strand geschrieben, und er wird für immer fortdauern“, erklärte der US-Präsident auf einem amerikanischen Soldatenfriedhof in der Normandie.

In der Nacht zum 6. Juni 1944 waren US-Einheiten mit Schiffen von England übergesetzt und teils auch per Fallschirm hinter feindlichen Linien abgesetzt worden. In den folgenden Wochen und Monaten trieben sie die Wehrmacht zurück. Die Landung gilt als entscheidend für den Sieg der Alliierten gegen die Nationalsozialisten und das Dritte Reich.

Am Freitag standen bei Sonnenaufgang Hunderte Veteranen in Ausgehuniformen am Strand von Omaha Beach, eine Militärband spielte in der Nähe. Die Flaggen wehten auf halbmast. Die Veteranen hatten in der 29. US-Infanterie-Division gedient, die an der Küste zwischen Le Havre und Cherbourg landete.

Im Laufe des Tages wollten zahlreiche Staats- und Regierungschef an die Leistung der rund 150 000 amerikanischen, britischen und kanadischen Soldaten erinnern, die bei der Invasion des von Deutschen besetzten Frankreich ihr Leben riskierten.