Landkreis/Wildeshausen - Welche Nachteile haben Mädchen und Frauen noch? Gelegenheit, sich diese Frage zu stellen, gibt es an diesem Donnerstag: Es ist Internationaler Mädchentag. Dieser Frage ist deshalb auch die NWZ nachgegangen – und hat mit Gleichstellungsbeauftragten im Landkreis Oldenburg gesprochen.

Dorothea Debbeler, Landkreis Oldenburg: „Die Entwicklung der Gleichstellung im Landkreis Oldenburg kann nicht einheitlich mit „gut“ bzw. „schlecht“ bewertet werden. Gleichstellung betrifft alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens. Ebenso bestimmen unterschiedliche gesetzliche Grundlagen die Umsetzung von Maßnahmen, die für Frauen und Männer die Chancengleichheit ermöglichen sollen.

Die gesetzlichen Grundlagen für die Gleichstellungsarbeit in der Kreisverwaltung bilden das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz (NKomVG) und das Niedersächsische Gleichberechtigungsgesetz (NGG). Dieser gesetzliche Rahmen gilt für den Öffentlichen Dienst und ist daher auch in den kreisangehörigen Gemeinden, der Samtgemeinde Harpstedt und der Stadt Wildeshausen anzuwenden. Dazu gehört auch der Gleichstellungsplan, der alle drei Jahre erstellt werden muss und der unter anderem über die im Plan dargestellte Beschäftigtenstruktur Auskunft gibt, wie sich der Anteil von Frauen und Männern in den unterschiedlichen Positionen der Kreisverwaltung entwickelt hat.

Bei der Besetzung von Führungspositionen und stellvertretenden Führungspositionen in der Kreisverwaltung hat sich der Anteil der weiblichen Beschäftigten erhöht. Es hat sich etwas in positiver Hinsicht getan.

Die konstruktive Zusammenarbeit aller beteiligten Stellen in der Kreisverwaltung, dies sind vor allem der Landrat, das Personalamt und der Personalrat sowie die Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik, lassen auch für die Zukunft eine weitere positive Entwicklung erwarten.

Chancengleichheit von Frauen und Männern kann nur dann gelingen, wenn gleiche Ausgangschancen bestehen. Mädchen und Jungen brauchen Unterstützung, wenn sie bei Bildung, Ausbildung und Berufswahl benachteiligt werden. Wenn sie Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Ausgrenzung in ihrem Alltag erleben müssen. Kooperationen mit Fachberatungsstellen müssen aufgebaut werden. Finanzielle Förderung einschlägiger Schutzeinrichtungen wie Frauen- und Kinderschutzhäuser muss verstärkt und die Anzahl dieser Schutzeinrichtungen erhöht werden. Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt und Ausbeutung von Frauen müssen geschaffen werden. Für eine gerechte Chancengleichheit von Frauen und Männern muss vor allem eine stabile soziale Ausgangsbasis geschaffen werden.

Das Land Niedersachsen muss in dieser Hinsicht die Aufnahmekapazität durch den Bau von Schutzeinrichtungen (Frauen- und Kinderschutzhäuser, Schutzwohnungen für Mädchen mit Migrationshintergrund etc.) erhöhen.

Teilzeit, Telearbeit, Fortbildung (auch in der Elternzeit möglich!), Führungsnachwuchskräftefortbildung und vor allem die Kinderbetreuung durch die betriebseigene Krippe „Lütte Lü“ unterstützen die Beschäftigten der Kreisverwaltung in familienintensiven Zeiten – wie bei der Kinderbetreuung oder auch bei der Pflege von Angehörigen. Diese und weitere Angebote der Kreisverwaltung unterstützen die positive Entwicklung der Chancengleichheit und Gleichstellung in der Verwaltung.

Altersgerechte Konzepte zum Thema Chancengleichheit sollten bereits in den Kindertagesstätten zur Anwendung kommen. Dabei spielt eine „gendergerechte“ Sprache eine große Rolle. Diese sollte in den Formulierungen möglichst kindgerecht neutral sein. Über die Sprache kann „viel in den Köpfen“ der Kinder erreicht werden.

Gleichstellungsarbeit ist ein Entwicklungsprozess, der sich an den verändernden Lebensbedingungen in unserem Alltag orientiert. Eine alles umfassende Durchsetzung der Chancengleichheit und der Gleichstellung wird es meines Erachtens nie geben. Dem stehen ständig (auch Einfluss globaler Ereignisse!) stattfindende Veränderungsprozesse und ihre Folgen für uns entgegen.“

Martina Wöbse, Harpstedt: „Weltweit haben viele Mädchen immer noch nicht die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen (Zwangsheirat, Verstümmelung…). Hier hat sich leider noch nicht viel geändert. Aber durch den Internationalen Mädchentag werden viele Menschen durch Aktionen auf die Missstände aufmerksam gemacht.

Die Baustellen liegen wohl eher in der 3. Welt. Jedoch kommen diese Probleme durch die Flüchtlingspolitik auch auf unsere Regionen zu. Wertschätzung von Mädchen/Frauen, selbst Entscheidungen zu treffen, sind nur ein Bruchteil.

Ich wünsche mir, dass sich die Gleichstellung einmal endgültig durchsetzt. Jedoch glaube ich nicht daran. Hier muss ein Umdenken in den Köpfen von Politikern, Firmenchefs und vielen anderen Menschen noch vollzogen werden. Auch kommen hier ja noch die Jungs/Männer ins Spiel. Hier spielt die Gleichstellung auch noch eine Rolle (Berufsauswahl – zum Beispiel Erzieher). Die Gleichstellung fängt schon in der Erziehung an. Gleichstellungsbeauftragte sind somit immer Ansprechpartner von Betroffenen. Hier gibt es noch viele andere Themen (Scheidung/Trennung/Gewalt), die es wohl auch immer geben wird - leider. Also sehe ich hier keinen Verzicht auf die Gleichstellungsbeauftragten.

Wie zuvor schon bemerkt, würde ich mir eine Gleichstellung wünschen. Besonders in Berufen, in der Bezahlung, mehr Anerkennung bei der Erziehung von Kindern, auch bei den Renten und und und...“

Majken Hjortskov, Wildeshausen: „ Ich denke, dass es generell schon eine Entwicklung gibt, dass Mädchen und Jungs gleichberechtigter aufwachsen können. Zumindest gesetzlich sind Frauen und Männer (analog Mädchen und Jungen) in allen Dingen gleichberechtigt.

In Deutschland liegt der gesellschaftliche Unterschied zumeist noch in der stereotypischen Erziehung - das fängt bei der Kleidungsfarbe an und hört bei dem Kinderspielzeug auf. Dies alles beeinträchtigt beziehungsweise lenkt unbewusst die Entwicklung der Kinder und ist eine Mitbegründung der geschlechterspezifischen Berufswahlen (Frauen, die zu sozialen Berufen tendieren und Männer, die eher die MINT-Berufe einschlagen) sowie der klassischen Rollenklischees in der Familie (Frauen oft zu Hause im Part der Erziehung, Mann macht „Karriere“; dies führt zur unausgeglichenen Frauenquote in Führungspositionen, da proportional weniger Frauen „auf dem Markt“ sind, die diese Stellen besetzen wollen und können).

Zumindest in den öffentlichen Verwaltungen gibt es bereits gesetzliche Verpflichtungen der Frauenquote - allerdings mangelt es in bestimmten Bereichen noch am „Angebot“ der Bewerbungen.

Dazu bieten viele verschiedene Akteure jährlich Veranstaltungen an, um Mädchen für „Jungssachen“ und Jungs für „Mädchensachen“ zu interessieren.

Ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind - es aber immer noch Baustellen gibt. Das Bewusstsein in der Gesellschaft, dass Mädchen alle Rechte und Pflichten haben wie auch Jungen, ist meiner Meinung nach generell da.

In unserer Region ist es deutlich sichtbar, dass vielen Frauen und Mädchen noch keinen richtigen Zugang zu politischen Ämtern finden. In Wildeshausen liegt der Frauenanteil im Rat beispielsweise bei gerade mal 21,9 %, im Kreistag bei 34 %, im Landtag bei 27,7 % und im Bundestag 30,9 %.

Daneben ist es gerade im ländlichen Bereich weit verbreitet, dass die „klassische“ Familie gelebt wird - die Frau erzieht die Kinder und arbeitet maximal in Teilzeit und der Mann arbeitet zur Finanzierung der Familie. Dies kann man natürlich nicht grundsätzlich pauschalisieren, es gibt sehr gute Beispiele auch in unserer Region, dass es andersherum geht, aber der Großteil lebt immer noch nach dem konventionellen Familienbild. Dementsprechend muss generell ins Sichtfeld gerückt werden, was es für Möglichkeiten gibt, frühzeitig wieder in das Berufsleben einzusteigen. Sei es Elterngeld und -zeit (für beide Elternteile), beitragsfreie Kinderbetreuung oder auch Förderinstitutionen wie Frauen und Wirtschaft. Vielen ist nicht bewusst, dass mit dauerhaft niedrig gehaltener Arbeitszeit oder gar ausschließlich Mini-Jobs der Beitrag zur gesetzlichen Rente proportional klein ausfällt und langfristig zur Altersarmut führen kann.

Diese Themen sind allerdings nicht nur Themen in unserer Region - das unterscheidet sich im Bundesgebiet kaum.

Meiner Meinung nach wird sich die Gleichstellung niemals komplett durchsetzen können. Die Gesellschaft entwickelt sich stets weiter und kann dementsprechend auch zu neuen Problemlagen führen, die man jetzt noch gar nicht absehen kann. Es wäre wünschenswert, wenn die Gesellschaft in jeder Situation und Lage gleichgestellt wäre, aber ich denke, dass das niemals zu 100 % erreicht werden kann. Das Spektrum der Gleichstellungsbeauftragten reicht von Ansprechpartnerin/Vermittlerin in Fällen häuslicher Gewalt und Zwangsverheiratung, über Verhinderung von Geschlechterklischees, bis hin zur interkulturellen Gleichstellung von Frauen und Männern. Damit Gleichstellung kein Thema mehr ist, müsste die ganze Welt gesellschaftlich auf einen Nenner kommen. Wenn das eintritt, dann bräuchte man tatsächlich keine Gleichstellungsbeauftragte mehr.

Nach meinen Wünschen wird es in zehn Jahren ein ausgewogenes Familienbild geben - also dass Frauen genauso „Ernährerinnen“ der Familie sind, wie auch die Männer heute zum Großteil. Dadurch, dass mehr Frauen damit ihre Karrierepläne verwirklichen, würde es meiner Meinung nach langfristig auch zu einer Verringerung des Gender-Pay-Gaps und einer Erhöhung der Frauenquote in Führungspositionen kommen.

Hilfreich wäre es an der Stelle dann auch, wenn es eine bundesweit vorgeschriebene einheitliche, gesetzliche Frauenquote gäbe (ab einer bestimmten Betriebsgröße) und bei Nichteinhaltung trotz Bewerberlage entsprechende Sanktionen festlegen würde (siehe Beispiel Norwegen).“

Katrin Gaida-Hespe, Ganderkesee: „In Sachen Gleichstellung ist in den letzten Jahren glücklicherweise in Deutschland sehr, sehr viel passiert. Bis zur Geburt des ersten Kindes oder dem ersten Pflegefall in der Familie ist auch vieles gleich. Dann sind es aber oft Frauen, die bei der Vereinbarkeit von Job und Familie die Hauptrolle spielen. (...) Der Weltmädchentag soll aber auch daran erinnern, dass Mädchen in anderen Ländern für Dinge, die bei uns selbstverständlich sind, kämpfen müssen. Rollenbilder und Partnerschaftskonzepte müssen sich ändern. Dafür sollten sich Rollenklischees nicht auf die nächsten Generationen übertragen. Schon den Kindern in den Kindertagesstätten kann vermittelt werden, dass jeder alles sein darf. Dafür bedarf es Vorbilder, überdachte Sprache und Handeln. (...). ,In the future, there will be no female leaders. There will just be leaders’ – Sheryl Sandberg. Wenn keine Frauenhäuser mehr gebraucht werden, relevante Führungs- und Entscheidungspositionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft automatisch geschlechter-paritätisch besetzt sind, die Haushalts-/Sorgearbeit und Berufstätigkeit in Partnerschaften gleichmäßig verteilt sind, dann könnte auf Gleichstellungsbeauftragte verzichtet werden.“

Caroline Stroot, Hatten: „Auch wenn viele Grundsteine zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen bereits im 19. und 20. Jahrhundert gelegt wurden (...), so ist in den letzten 15 Jahren doch einiges passiert. Zunächst hat die Umstellung von Erziehungsurlaub und -geld auf Elternzeit und Elterngeld einiges bewegt. Viele Frauen kehren nach ein bis zwei Jahren in ihre alten Jobs (wenn auch häufig in Teilzeit) zurück und auch immer mehr Männer nehmen zumindest zwei Monate Elternzeit. Durch den Anspruch auf einen Kindergarten- beziehungsweise nun auch Krippenplatz ab dem 1. Lebensjahr werden immer mehr Kinder fremdbetreut und ihre Mütter können (früher) wieder arbeiten. (...) Mädchen haben heute in Deutschland viele Möglichkeiten. (...) Dennoch gibt es auch hier noch ,Baustellen’: Frauen arbeiten öfter in schlechter bezahlten Jobs (...), reduzieren ihre Stunden nach der Geburt von Kindern oder bleiben (teilweise lange) zu Hause. (...) So lange nur Frauen Kinder bekommen und stillen können, glaube ich nicht, dass sich Gleichstellung jemals durchsetzen wird. (...) Unsere Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte besteht darin, uns selbst überflüssig zu machen und unsere Jobs abzuschaffen.“

Antje Oltmanns, Großenkneten: „Insbesondere in puncto Kinderbetreuung ist eine sehr positive Entwicklung zu verzeichnen. Auch hat das Angebot an Alten- und Pflegeplätzen erheblich zugenommen. Die Berufstätigkeit von Frauen/Müttern ist vielfach zur Normalität geworden und auch in den Köpfen der Menschen hat sich diesbezüglich einiges getan. Gesetzlich geregelte Angebote für junge Eltern, wie die Elternzeit, und familienfreundliche Angebote von Arbeitgebern, wie Beurlaubungen, Teilzeitbeschäftigungen, Telearbeit oder aber auch betriebseigene Kindergärten bringen ebenfalls einen positiven Fortschritt.

Wenngleich sich in den vergangenen Jahren schon einiges bewegt hat, sind die zentralen Dimensionen der Ungleichheit unverändert: Geld, Arbeit und auch „Einfluss“ sind zwischen den Geschlechtern immer noch sehr ungleich verteilt. Frauen sind trotz gleicher Ausbildungschancen und besserem Schulabschluss weiterhin im Arbeitsleben benachteiligt, bekommen weniger Geld für gleiche Arbeit und haben weniger Chancen, in Führungspositionen zu gelangen. Weitere Benachteiligungen von Frauen zeigen sich bei Themen wie Altersarmut und Gewalt. Einen Verbesserungsbedarf sehe ich momentan unter anderem auch im Bereich der verschiedenen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ich befürchte, dass die Gleichstellung faktisch noch lange nicht erreicht ist. Die aktuellen Daten und Statistiken zum Anteil der Frauen in den politischen Gremien, der Altersarmut von Frauen und der Gewalt gegen Frauen unterstreichen dies. Die politische Repräsentanz ist nach wie vor völlig unbefriedigend. Aufgrund hoher Teilzeitquoten, niedriger Verdienste und veränderter Lebensbiografien wird die Gesamtzahl von altersarmen Frauen weiter ansteigen. Sofern man tatsächlich zukünftig (und damit meine ich nicht nur „gefühlt“) auf Gleichstellungsbeauftragte verzichten kann, wäre es eine Bestätigung für mich - wie für viele andere Gleichstellungsbeauftragte – in den vergangenen Jahrzehnten hervorragende Arbeit geleistet zu haben. Dies würde ich mir wünschen.

Bereits jetzt sind viele Angelegenheiten, die die Gleichstellung betreffen, wie zum Beispiel die ausgewogene Verteilung von Frauen und Männern in Gremien und Führungspositionen geregelt und gesetzlich vorgeschrieben. Allerdings zeigt die Realität in den Spitzen von Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch in Verwaltungen und demokratisch gewählten Gremien, dass wir von einer Geschlechterparität noch weit entfernt sind. Hier wünsche ich mir, dass in der Zukunft ausgewogene Verhältnisse erreicht werden. Weiter würde es mich freuen, wenn unsere Kinderbetreuungs- und Pflegeeinrichtungen weiter ausgebaut würden, da die Familien, insbesondere Frauen, hiervon profitieren. Alleinerziehende und ihre Kinder brauchen deutlich mehr staatliche Unterstützung. Als letztes wünsche ich mir, dass Schutz vor Gewalt und sexistischen Strukturen in allen Bereichen des Lebens und Arbeitens, von Gesellschaft und Politik gewährleistet werden und die Gleichstellung eines Tages gar nicht mehr thematisiert werden muss.“

Tanja Wibben, Dötlingen: „Es gibt immer noch zu viele ,typische’ Männer- und Frauenrollen, für die man sich ,rechtfertigen’ muss. Zum Beispiel, wenn Männer Elternzeit/Erziehungszeit nehmen oder Frauen in männerdominierten Berufen arbeiten. Gerade in ländlichen Gebieten werden diese Neuerungen kritisch beäugt. Meines Erachtens ist die Gleichstellung ein stetiger Prozess, der beobachtet werden muss. Wie ich mir die Situation in zehn Jahren wünsche? Nach Möglichkeit sollte es in Zukunft dann eine einheitliche ,neutrale Betrachtung’ von den ,Aufgaben im Leben’ geben. Keine Unterscheidung mehr, was typisch ,männlich’ und/oder ,weiblich’ ist.“

Verena Sieling
Verena Sieling Redaktion Wildeshausen