Hannover - Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) will jetzt ein Öko-Label einführen für Insekten, die in Lebensmitteln oder Tierfutter verwendet werden. Ist das überhaupt realistisch? Wir klären die wichtigsten Fragen.
Was steckt hinter dem Özdemir-Vorstoß ?
„Die Bundesregierung befürwortet eine Unterscheidung von ökologischen und konventionell erzeugten Insekten“, heißt es in einer Antwort des Bundeslandwirtschaftsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Unions-Bundestagsfraktion. „Insbesondere im Futtermittelbereich werden damit neue Möglichkeiten ökologischer Proteinquellen geschaffen.“ Mögliche Produktionsregeln würden derzeit auf EU-Ebene besprochen. Während im konventionellen Bereich die Verarbeitung mancher Insektenarten zu Lebensmitteln und Tierfutter bereits zulässig ist, müssen die Vorgaben für den Öko-Bereich noch genauer definiert werden.
Welche Insekten sind schon zugelassen ?
Die Europäische Kommission hat vier Insekten in unterschiedlicher Darreichungsform für den EU-Markt zugelassen: Mehlkäfer, Wanderheuschrecke, Hausgrille und zuletzt im Januar 2023 den Getreideschimmelkäfer oder Buffalowurm. Hersteller sind verpflichtet für Insekten, die als Lebensmittel auf den EU-Markt gebracht werden sollen, eine Zulassung bei der Europäischen Kommission zu beantragen.
Wie beurteilt Niedersachsen den Özdemir-Vorstoß ?
Sie begrüße es, dass sich Minister Özdemir für die Unterscheidbarkeit von konventionell und ökologisch erzeugten Insekten ausgesprochen hat, erklärt Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne). „Es ist wichtig, zeitnah Standards in diesem Bereich festzulegen, damit Ökobetriebe schnell die Möglichkeit bekommen, in diesen wachsenden Markt einzusteigen.“
Und was sagen Fachleute aus der Branche ?
Skeptisch zeigt sich Dr. Philipp Zimmermann von der Firma „Made bei Made“, dem nach eigenen Angaben größten Produzenten von Larven der Schwarzen Soldatenfliege in Deutschland. „Es gibt überhaupt keine Aussage, wie sich Insekten ökologisch erzeugen lassen“, sagt der Manager. Zwar gebe es vom Verband Naturland Richtlinien für die ökologische Erzeugung, nicht aber für dieses spezielle Segment. Der ökologische Landbau müsse entsprechende Kapazitäten, etwa Dung, für die Insektenzucht zur Verfügung stellen. Der Weg, um Özdemirs Idee umzusetzen, werde lang, ahnt Zimmermann. Auch der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT, Bonn) äußerte sich zurückhaltend. Eine Unterscheidung bei Futtermitteln zwischen „konventionell“ und „bio“ sei zwar grundsätzlich vorstellbar, derzeit gebe es für eine Unterscheidung jedoch keinen rechtlichen Rahmen und keine Kriterien, sagt DVT-Sprecher Florian Preuss. „Eine Einschätzung des Marktes ist gegenwärtig nicht möglich.“ Auch aus Sicht des Niedersächsischen Landvolkverbandes ist die Produktion von Insekten als Futter- oder Nahrungsgrundlage noch eine Nische. Dafür verlässliche Vorgaben zu schaffen, sei kein Fehler. „Allerdings wünschen wir uns zunächst Antworten auf wesentlich drängendere Fragen, zum Beispiel zum sinnvollen Umbau der Tierhaltung, der unbedingt notwendigen Regulierung des Wolfsbestandes oder zu einer klaren Haltung zu den im Rahmen des Niedersächsischen Weges vereinbarten Maßnahmen“, sagte eine Landvolk-Sprecherin auf Anfrage.
