Viele Impfwillige müssen sich noch etwas bis zur Auffrischung ihres Corona-Schutzes gedulden. Er würde sich eine „größere Gelassenheit“ wünschen, sagt Dr. Jens Wagenknecht aus Varel (Friesland).
Herr Dr. Wagenknecht, die Arztpraxen ächzen unter dem Andrang zu den Auffrischimpfungen. Wie lang sind die Wartelisten?
Wagenknecht Ja, viele Praxen ächzen unter der hohen Belastung. Wir haben gerade weitestgehend die Grippe-Impfungen abgearbeitet. Nun ist die Nachfrage nach Auffrisch-Impfungen riesig. Unsere Praxis hatte sonst 30 Anmeldungen pro Woche; mittlerweile sind es knapp 200. Wir vergeben schon Termine für den Januar. Das liegt auch daran, dass die Patienten selbst schon auf den sechsmonatigen Abstand zur Zweitimpfung achten und Termine entsprechend langfristig anfragen.
Dr. Jens Wagenknecht (59) ist niedergelassener Arzt in Varel (Kreis Friesland). Seit vier Jahren ist der Mediziner 1. stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen im Deutschen Hausärzteverband und gehört dem Bundesvorstand des Verbandes an. Mit mehr als 32 000 Mitgliedern ist der Hausärzteverband auf Bundesebene inzwischen der größte Berufsverband niedergelassener Ärzte in Deutschland.
Hausarzt Wagenknecht ist zudem seit 2006 ununterbrochen Mitglied im Vorstand der Ärztekammer Niedersachsen und dort insbesondere für den Bereich Fortbildung zuständig.
Klappt die Organisation?
WagenknechtJa, wir fahren bedarfsgerecht die Praxis wieder hoch und werden wieder den Stand von Juni erreichen. Damals haben wir zu einer Zeit geimpft, wo die Praxis eigentlich geschlossen war.
Kommen andere Patienten zu kurz?
Wagenknecht Den Eindruck habe ich nicht. Sobald Menschen mit akuten Problemen bei uns auftauchen, priorisieren wir.
Wie gut werden die Praxen mit Impfstoff versorgt?
Wagenknecht Die Hausärzte haben vor einigen Wochen mit dem niedersächsischen Sozialministerium in Berlin interveniert. Ministerin Behrens hat durchgesetzt, dass die Anmeldefrist bundesweit auf eine Woche gesenkt wurde. Wenn ich Dienstag bestelle, bekomme ich am darauf folgenden Montag die benötigte Impfstoffmenge.
Das Land will 180 sogenannte Impfpraxen fördern. Ist das eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen?
Wagenknecht Unser Verband unterstützt diese Initiative, weil man damit einiges bewegen kann. Erstens: Einige Hausärzte haben sich aus verschiedenen Gründen aus dem Impfgeschehen zurückgezogen. Sie werden dadurch eher entlastet. Und zweitens: Es gibt viele Menschen, die haben keinen festen Hausarzt. Es ist ein guter Gedanke, Impfangebote für jedermann zu machen.
Und das gilt für alle?
Wagenknecht Ja. Für mich hat der Erstimpfling Vorrang. Als Arzt bin ich froh, dass er oder sie kommt und sich schützen will. Von denjenigen, die sich boostern lassen wollen, würde ich mir eine größere Gelassenheit wünschen. Denn sie sind ja durch die Grundimmunisierung geschützt.
Wünscht sich der Hausärzteverband in Niedersachsen eine Rückkehr zu Impfzentren?
Wagenknecht Die Mitarbeiter in den Impfzentren haben sich im September die Füße in den Bauch gestanden, weil die Warteliste abgearbeitet war. Es sind nur Kosten entstanden. Ich finde den Gedanken, dezentrale mobile Teams nach Bedarf einzusetzen, deutlich sinnvoller.
