Oldenburg - Stille. „Was soll man dazu sagen?“ Am anderen Ende der Leitung schweigt Jamie Modick. Und dann sagt sie: „Fragen Sie mich in 30 Tagen.“ Vielleicht, hofft die US-Amerikanerin, vielleicht wird „dieser Verrückte dann seines Amtes enthoben“. Was Donald Trump im Geburtsland der Oldenburgerin treibt, macht sie fassungslos.
Gerechnet hat die 62-Jährige nach der Wahl mit Vielem. „Aber dass es so rasant geht!“ Schon bevor Amerikas neuer Präsident 100 Tage Amtszeit rum hat, macht er die schlimmsten Befürchtungen der pensionierten Buchhändlerin wahr. „Wir kehren zurück in die 50er Jahre – die weißen Männer herrschen, während die Frauen am Herd stehen. Schwarze, Latinos, Homosexuelle haben keine Rechte mehr. Keine Ahnung, wie das weitergehen soll.“
Auch Mary Kehls schlimmste Fantasien sind nicht so bunt, dass sie sich ihre Heimat in Trump-Farben ausmalen könnte. „Jeden Tag kommt es schlimmer“, sagt die Musikerin und Gesangslehrerin. „Mit diesem Mann ist alles möglich. Unglaublich.“
Vom Einreiseverbot sind US-amerikanische Freunde der 49-Jährigen, die einen Doppelpass besitzen, nicht betroffen. Auf Barrikaden und Straßen gehen allerdings alle. „Die Menschen werden auf einmal politisch aktiv“, sagt sie und hofft: „Die Leute müssen aufstehen – die richtigen.“ Vernünftige Politiker gebe es ja schließlich noch. Nicht nur im weltoffenen Seattle, wo Mary Kehl aufgewachsen ist. Von den europäischen Entscheidern wünscht sie sich, „dass die nicht schwach werden“. Jetzt sei Mut gefordert, Geschlossenheit und Stärke.
„Gegen die Angst“, sagt Jamie Modick. Was momentan in ihrer Heimat passiere, habe schlicht mit Panik zu tun: Vor der Vielfalt, dem multikulturellen Mix, der die Vereinigten Staaten ausmache. Auch nach 36 Jahren in Oldenburg sei das immer noch ihr Land. Nichts und niemand – schon gar kein Trump – könne sie davon abhalten, nach Hause zu fliegen. Nur leben wolle sie dort nicht mehr.
Deutschland sei im globalen und europäischen Vergleich ein richtig liberales Land geworden. „Wir haben es echt gut hier.“ Ruhe lassen der Oldenburgerin die Entwicklungen auf der anderen Seite des großen Teiches dennoch nicht. Täglich lese sie die „New York Times“ und das, was Freunde und Bekannte auf sozialen Netzwerken wie Facebook schreiben. Die seien alle entsetzt, würden neue Unfassbarkeiten posten und sich an den Protestmärschen beteiligen. Vielleicht hilft das: „Der Widerstand während des Vietnamkriegs hat ja auch was gebracht“, sagt Jamie Modick.
Und dann erzählt sie von der Trump-Abgeordneten, die neulich eine Schule in Wyoming mit Waffen ausstatten wollte – „wegen der Bären“. Sie lacht bitter. Ein echtes Horrorkabinett stelle sich der Präsident da zusammen. „Zum Gruseln.“ Glücklicherweise folgten nicht alle Republikaner Trums abstrusen Plänen und Verboten: Lindsey Graham und John McCain hätten die Courage, den Mund aufzumachen. Ob sie den Mann im Weißen Haus stoppen können?
„Man darf nie aufhören zu hoffen“, sagt Sängerin Mary Kehl. US-Nachrichten schaue sie höchstens einmal am Tag. „Das wird mir sonst zu viel“, sagt die Oldenburgerin. Das Maß sei längst voll – „war es schon vor dem Ende der Wahl“. Jamie Modick sagt: „Wir müssen abwarten.“ Sollte sich ihre Hoffnung auf eine Amtsenthebung nach 100 Tagen bestätigen, wäre Vize-Präsident Mike Pence „zwar kein solcher Egomane, aber immer noch zutiefst konservativ“ – immerhin aber besser als Trump. „Alles ist besser“, sagt Jamie Modick und schweigt betroffen. Ihr fehlen die Worte – aber sprachlos will sie nicht bleiben.
