Es ist die ganz große Zerreißprobe: Kaum hat sich Oskar Lafontaine krankheitsbedingt abgemeldet, da steht seine Linkspartei auch schon vor dem Abgrund. Grabenkämpfe, Intrigen, Vorwürfe – wenn selbst der besonnene Fraktionschef Gregor Gysi, der sonst immer als Integrationsfigur und Mittler zu wirken weiß, von einem „Klima der Denunziation“ spricht, zeigt das die Dimension der vorhandenen Zerwürfnisse.
Zweieinhalb Jahre nach der Fusion der Ost- und der West-Linken hat die Partei noch keine innere Stabilität entwickelt: Hastig und im Hoppla-Hopp-Verfahren zusammengeführt und nur durch ihren eigenen, erstaunlichen Erfolg zusammengehalten, ist sie zur Bühne für Egomanen geworden.
Ein Club der Streithähne, eine Partei, die sich noch lange nicht gefunden hat, ist dabei, sich selbst zu zerlegen.
Selbst Altvordere wie Gregor Gysi, Lafontaines Co-Parteichef Lothar Bisky oder der einstige WASG-Gründer Klaus Ernst verstehen es nicht mehr, den zerstrittenen Laden zusammenzuhalten. Der Konflikt um Parteigeschäftsführer Dietmar Bartsch, der jetzt in beispielloser Weise eskaliert war, nachdem dieser mit angeblichen Indiskretionen über Lafontaines Privatleben in Verbindung gebracht wurde, ist nur Ausdruck der Versäumnisse der letzten Jahre.
Der Partei und ihren unzähligen Strömungen ist es nicht gelungen, das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit zu klären: Während die einen noch von der DDR träumen und sie beschönigen, ist es anderen allein daran gelegen, den früheren Genossen von der SPD eins auszuwischen. Wieder andere treiben energisch rot-rot-grüne Planspiele voran. Es fehlt an einem Kurs, auf den sich alle verständigen könnten.
Mit Lafontaine ist erst einmal jene Figur von der Bühne verschwunden, die zuletzt die großen Wahlerfolge garantierte.
Der Streit um das politische Erbe des Saarländers tobt heftig.
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