London/Belfast - Bei den britischen Kommunalwahlen sind die regierenden Konservativen wegen des Brexit-Streits massiv abgestraft worden. Sie verloren 1335 Sitze im Vergleich zu den Wahlen 2015.
Auch die größte Oppositionspartei Labour musste bei den Abstimmungen in weiten Teilen Englands und Nordirlands Verluste hinnehmen. Klare Gewinner sind die EU-freundlichen Liberaldemokraten. Die Grünen und einige unabhängige Kandidaten konnten ebenfalls zulegen.
„Das Bild ist klar“, räumte Premierministerin Theresa May am Freitag bei einer Parteiveranstaltung in Wales ein. „Dies ist eine schwierige Zeit für unsere Partei und die Wahlergebnisse sind ein Symptom hierfür.“ Ein Mann rief May zu: „Warum treten Sie nicht zurück?“ Die frühere Entwicklungshilfeministerin Priti Patel sagte angesichts des Debakels für die Tories: „May ist ein Teil des Problems. Wir können einfach nicht so weitermachen. Wir brauchen einen Wechsel.“
Insgesamt ging es bei den Kommunalwahlen um mehr als 8000 Sitze lokaler Gremien. Gewählt wurde in 248 englischen Bezirken. In einigen davon ging es darum, alle Sitze neu zu vergeben, in anderen stand nur ein Teil zur Wahl. In Nordirland wurden die Gremien in allen elf Bezirken des Landesteils komplett neu besetzt. In sechs mittelgroßen und kleineren Städten wurden zudem neue Bürgermeister bestimmt. In Schottland, Wales und auch in der Hauptstadt London wurde nicht gewählt.
Nach Auszählung aller Bezirke verlor Labour 86 Sitze. Die EU-feindliche Partei Ukip verbuchte 145 Sitze weniger, die Liberaldemokraten gewannen hingegen 704 dazu.
Politikwissenschaftler John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow sprach von einer Bestrafungsaktion der Wähler: „Die Labour-Partei verliert dort, wo sie historisch stark ist. Und die Konservativen verlieren dort, wo sie historisch stark sind.“ Er warnte aber auch, dass sich die Liberaldemokraten nicht zu früh freuen sollten. „Sie sollten lieber billigen als teuren Champagner trinken – vielleicht sogar lieber Prosecco.“ Der Chef der Liberaldemokraten, Vince Cable, jubelte hingegen, dass nach den Konservativen und Labour die Liberaldemokraten wieder eine größere Rolle spielten. „Die Drei-Parteien-Politik ist zurück“, twitterte er.
Die neu gegründete Brexit-Partei des Ex-Ukip-Chefs Nigel Farage durfte noch nicht an den Kommunalwahlen teilnehmen. Sie führt bereits Wochen nach ihrer Gründung die Umfragen zur Europawahl Ende Mai an.
