MAINZ - MAINZ - Im West-Fernsehen lief das „ZDF-Magazin“, und im Osten bekam Erich Mielke wie üblich einen hysterischen Anfall. „Wie lange muss ich diesen Mann noch auf den Bildschirm ertragen?“, tobte der Stasi-Chef. Zum wiederholten Male forderte Mielke seine Offiziere auf, Moderator Gerhard Löwenthal endlich „aus dem Verkehr“ zu ziehen.

30 000 Blatt Papier sammelte Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über Löwenthal. Die Spione wühlten in der Vergangenheit des 1922 geborenen Journalisten, versuchten es mit Rufmord, Falschmeldungen, Gerüchten – und sogar mit Morddrohungen. Als Löwenthal 1988 in den Ruhestand ging, knallten in Ost-Berlin die Sektkorken.

Löwenthal war das prominenteste Stasi-Opfer am Mainzer Lerchenberg – aber nicht das einzige. Seit Gründung des ZDF im Jahr 1963 hatte das MfS die „Feindzentrale“, wie der Sender in Ost-Berlin genannt wurde, im Visier. 235 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) beschrieben 334 000 Papierseiten mit Spitzelberichten. Die Spione arbeiteten sich bis in den Fernsehrat vor, das oberste Gremium des ZDF.

Christhard Läpple hat dieses Kapitel jetzt fürs ZDF aufgearbeitet. Zwei Jahre lang arbeitete sich der Reporter durch die Aktenberge, führte Interviews und sichtete alte Fernsehbilder. Herausgekommen ist ein journalistisches Bravourstück: die zweistündige Dokumentation „Die Feindzentrale“, die jetzt im ZDF zu sehen war.

Was nach vorbildlicher Vergangenheitsbewältigung aussieht, bringt die Anstalt aber auch in einige Verlegenheit. Denn die Fleißarbeit der Stasi zeigt zwar, welchen Respekt die DDR dem westdeutschen Fernsehjournalismus entgegenbrachte – die Fleißarbeit Läpples zeigt aber auch, dass es oft westdeutsche Fernsehjournalisten waren, die sich als Spione anwerben ließen. Vielleicht versteckte das ZDF den Zweiteiler deshalb im Nachtprogramm; nur 900 000 Menschen schauten zu.

Da gab es den Kameramann Horst P., der in der DDR als „IM Goslar“ bekannt war. Sein Vorgesetzter Peter Scholl-Latour erinnert sich an ihn als zuverlässig, „er war aber kein überragender Künstler an der Kamera“. Da gab es den DGB-Vertreter im Fernsehrat, der im MfS als „IM Gaston“ geführt wurde. Laut Ex-Chefredakteur Reinhard Appel handelte es sich dabei um einen höflichen, aber doch „unauffälligen“ Mann. Und da gab es die Praktikantin in der Redaktion Zeitgeschichte, die als „IM Swantje“ Berichte nach Ost-Berlin lieferte. Redaktionsleiter Guido Knopp beschreibt die Spionin als freundliche Person, „die aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat“. Das ZDF muss zugeben, getäuscht worden zu sein – aber besonders wichtige Leute sollen es dann bitte nicht gewesen sein, die dort täuschten.

Da scheint sogar etwas dran zu sein: „IM Swantje“ bekam laut Läpple in der DDR einen Orden, weil sie von einem Polit-Empfang Informationen lieferte, die am nächsten Tag in allen westdeutschen Zeitungen zu lesen waren. Und Gerhard Löwenthal musste zwar 1988 seinen Hut nehmen – aber nicht, weil Erich Mielke wieder einmal einen Wutanfall hatte, sondern weil der 66-Jährige in einem zunehmend liberaler ausgerichteten ZDF einfach nicht mehr in die Zeit passte.