Stenum - Eigentlich wollte Luay Deiri Architekt werden. Doch seine Mutter ließ nicht locker. Immerhin ist Vater Achmed auch Arzt, und ein Familienmitglied müsse doch das „Erbe“ antreten. Der Syrer ließ sich überzeugen – und hat seine Wahl bis heute nicht bereut. Seit dem Herbst 2012 absolviert der 28-jährige Mediziner seine Facharzt-Weiterbildung zum Orthopäden und Unfallchirurgen in der Orthopädieklinik in Stenum. „So ein nettes Personal wie hier habe ich noch nirgendwo erlebt“, ist er voll des Lobes über das heimische Krankenhaus.
Die Familie Deiri stammt aus dem von den Bürgerkriegswirren zerstörten Syrien. Seine Eltern leben inzwischen in Saudi-Arabien, die Brüder in Istanbul und Bahrain. Luay Deiri hat an der privaten Kalamoon-Universität bei Damaskus studiert. Über seinen Onkel Dr. Marwan Tabbasch entstand der Kontakt zum damaligen Ärztlichen Direktor in Stenum, Dr. Hans-Georg Zechel, der ihm ein Praktikum in der Orthopädie-Klinik ermöglicht hat.
Dann begann die Zeit des Wartens: Die Klinik musste damals Insolvenz anmelden. Luay Deiri erhielt keinen Arbeitsvertrag und kein Visum. Der Syrer bewarb sich bei mehreren Krankenhäusern in Deutschland, darunter auch in Delmenhorst und in Cloppenburg. „Ich hätte fünf Verträge unterschreiben können“, erzählt er. Über die griechische Botschaft bekam er doch sein Visum. Deiri entschied sich für Stenum.
„In meiner Heimat haben mich alle vor den Deutschen gewarnt, selbst mein Lehrer“, berichtet Deiri von vielen Vorurteilen. Auch er selbst habe in der Jugendzeit allenfalls die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft und Bayern München gekannt. „Heute fühle ich mich sehr wohl hier“, sagt Deiri. Zwar sei die Auswahl an Freizeitmöglichkeiten nicht allzu groß, doch ihm gefällt die familiäre Atmosphäre.
Vor allem aus dem Kollegenkreis sei die Unterstützung sehr groß – auch bei privaten Problemen. „Hans-Henning Weyh ist wie ein großer Bruder für mich“, erzählt der Mediziner. Als er wieder einmal schreckliche Szenen aus seiner Heimat sehen musste, habe ihn Weyh getröstet. Bei Untersuchungen und Operationen gebe es eine große Unterstützung. So sei ihm zunächst die Arthroskopie etwas schwer gefallen. Doch bei Dr. Wilfried Dick, Leiter der Endoprothetik in der Klinik, habe er das nötige Selbstbewusstsein bekommen. Für seine Hobbys – Schwimmen und Angeln – nimmt er sich wenig Zeit. „Ich arbeite viel“, so Deiri, der auch in der Nähe der Klinik wohnt.
Ohnehin hat Deiri das Gefühl, dass sein Engagement anerkannt wird. Er war schon an 450 Eingriffen, natürlich im Beisein eines Facharztes, beteiligt. Im Vorjahr durfte er den Ärztlichen Direktor Dr. Karsten Ritter-Lang zu einem Kongress in die USA begleiten. Außerdem betreut Luay Deitri dank seiner guten Englisch-Kenntnisse in der ausländischen Abteilung des Hauses die Patienten aus den USA und Kanada.
Um die Weiterbildung mit den Stationen Intensiv- und Unfallchirurgie abzuschließen, ist im Januar kommenden Jahres ein Wechsel geplant. Angedacht sei ein Ärztetausch mit dem Krankenhaus in Leer (Ostfriesland).
Zukunftspläne hat der Mediziner noch nicht geschmiedet: „Das ist offen.“ Sein Heimatland Syrien liegt in Trümmern. Aber er hofft auf eine friedliche Perspektive für die Region: „Irgendwann möchte ich einmal zurück!“
