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NWZonline.de Nachrichten Politik

Mehr als nur ein Staatsbürger

28.04.2017

Wir sind das Volk. Das ist ein anspruchsvoller Satz, berühmt geworden 1989 durch die Montagsdemonstrationen in Leipzig, mit denen das Ende der DDR eingeläutet wurde. Aber wer ist überhaupt das Volk, wer gehört dazu und im Umkehrschluss mit aktueller (und populistischer) Konnotation: Wer gehört nicht zum Volk? Diesen Fragen geht der Historiker Michael Wildt in der jüngsten Veröffentlichung der „Kleinen Reihe“ der Hamburger Edition nach. „Volk, Volksgemeinschaft, AfD“ lautet der Titel.

Wildt schlägt darin einen großen Bogen von den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts, in denen die Begriffe Volk und Nation gleichgesetzt wurden, zugleich aber schon Antislawismus und Antisemitismus Begleiter einer völkischen Definition von „Volk“ waren. Vor der historischen Entwicklung erläutert der Historiker die sich wandelnde Definition des Begriffs Volk, der im 20. Jahrhundert mit dem Begriff Volksgemeinschaft ein rassistisches und antisemitisches Konzept (Wer gehört zum Volk?) erfuhr.

Wildts Verdienst besteht darin, eine klare Begrifflichkeit aufzuzeigen und die Ideengeschichte des Begriffs „Volk“ zu erläutern – von der Antike über die französische und amerikanische Revolution bis zum Balkankrieg von 1912, von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus („Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist“, so die Ideologie) bis in die Gegenwart. Auch in der Nachkriegszeit gab es dazu einen Diskurs: Volksgemeinschaft war die Chiffre für das Zusammenleben in Not.

Wildt warnt davor, sich in der Diskussion über die populistischen Ziele der AfD auf ein staatsbürgerliches Verständnis von Volk und Demokratie zu reduzieren. Eine völkische Auffassung von Volk sei möglich, wenn sie vom Volk gebilligt wird. Volk und Volksgemeinschaft seien politisch und kulturell definierte Gemeinschaften, bei denen es um die Zugehörigkeit – und eben auch um Ausschluss ginge. Wildt erinnert daran, dass Populismus kein neues Phänomen ist. Und während sich in Lateinamerika ein linker Populismus entwickelte, gab es schon im Frankreich der 50er Jahre die gegen den Zentralismus gerichtete Bewegung um Pierre Boujade. Die Lega Nord in Italien, Pim Fortyn und Geert Wilders in den Niederlanden, Le Pens „Les Français d’abord“, Haiders „Österreich zuerst“ und jetzt die Neuauflage mit US-Präsident Donald Trump – und nicht zuletzt die AfD in Deutschland, die keinesfalls über Nacht entstanden ist. Für die AfD ist der Begriff Volk verbunden mit Abstammung und Kultur, das ist mehr als ein bloßer Staatsbürger. Ihr Volksverständnis setzt eine ethnische Homogenität und kulturelle Identität voraus. Ihre Leitkultur wird durch Sprache und Religion definiert, wobei der Islam abgelehnt wird. Wildt erinnert daran, dass in der amerikanischen Demokratie die Religionsfreiheit höchsten Verfassungsrang hat, von ihr wiederum die Presse- und Meinungsfreiheit sich herleitet. Und auch im Grundgesetz heißt es eindeutig: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“

Ein wichtiges und hochaktuelles Buch, das allen empfohlen ist, die sich mit populistischen Vorstellungen und den Konzepten von „Volk“ auseinandersetzen wollen.

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