Berlin - Die Ankunft von fast 3.000 Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof befeuert die Debatte um eine gerechte Verteilung von Asylbewerbern in der Europäischen Union. Bei einem Treffen in Berlin forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy alle EU-Staaten und die EU-Kommission dazu auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Beide verlangten eine ausgewogene Zuteilung der Flüchtlinge und eine schnelle Einrichtung gemeinsam betriebener Registrierungszentren in Griechenland und Italien. Merkel betonte, sie sei der Überzeugung, dass Europa die Probleme, die alle angehen, auch gemeinsam lösen müsse.

Seit Montag sind auf dem Münchener Hauptbahnhof fast 3.000 Flüchtlinge angekommen. Sie waren von Ungarn aus weitergereist. Nach europäischem Recht, dem sogenannten Dublin-Abkommen, hätten sie dort registriert und untergebracht werden müssen. „Wir haben in Europa ein Asyl-System, das nicht mehr funktioniert“, konstatierte Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU). Das Bundesland richtet sich auf weitere Neuankömmlinge ein, wobei Medienberichten zufolge Ungarn die Weiterreise von Flüchtlingen am Dienstag zunächst durch die Sperrung des Bahnhofs in Budapest zu stoppen versuchte.

Österreichs Innenministerium gab Deutschland eine Mitschuld an der Situation. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte kürzlich bekanntgegeben, dass Syrer, für deren Versorgung eigentlich ein anderer EU-Staat zuständig wäre, aus Deutschland nicht mehr abgeschoben werden sollen. Diese Nachricht habe einen enormen Reisedruck bei den Flüchtlingen in Ungarn und Österreich ausgelöst, sagte ein Sprecher des österreichischen Innenministeriums. Kanzlerin Merkel wies den Vorwurf zurück. Man halte sich an europäisches Recht, sagte sie. Empörung über das ungarische Verhalten blieb indes aus.

Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, warf der EU angesichts der Lage Versagen in der Flüchtlingspolitik vor: „Das eine (Land) baut einen Zaun, das andere lässt weiterreisen - das ist ein deutliches Zeichen für ein absolutes Versagen europäischer Politik.“ Die EU-Staaten müssten sich bei diesem Thema in gleicher Weise engagieren wie bei der Lösung der europäischen Schuldenkrise, sagte Neher im Deutschlandradio Kultur.

Auch die Theologin Margot Käßmann forderte mehr Engagement. Angesichts des neuen Grenzzaunes in Ungarn und der Haltung Polens zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge müsse man mit beiden Ländern Klartext reden und ihnen sagen: „So seid Ihr keine Europäer!“, sagte die Reformationsbotschaftern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im WDR-Radio.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) stellte am Dienstag derweil ihre Pläne zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt vor. Mithilfe von Sprachkursen und Vermittlungsprogrammen will sie Asylsuchende besser in Jobs bringen. Die Ministerin kalkuliert für entsprechende Maßnahmen mit bis zu 3,3 Milliarden Euro mehr im Jahr 2016, darunter fallen auch Ausgaben für Sozialleistungen.