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Würdigung von Michail Gorbatschow Im Ausland geachtet, in der Heimat oft verachtet


Michail Gorbatschow, damals sowjetischer Präsident, winkt von der Tribüne des Roten Platzes während einer Feier zum Tag der Revolution. 
Boris Yurchenko/AP/dpa

Michail Gorbatschow, damals sowjetischer Präsident, winkt von der Tribüne des Roten Platzes während einer Feier zum Tag der Revolution.

Boris Yurchenko/AP/dpa

Moskau - Auf seine epochale Rolle in der Geopolitik blickte Michail Gorbatschow nach seinem Abgang von der politischen Bühne mit einer gewissen Nüchternheit. Er sehe sich als der Mann, der Reformen initiiert habe, die er für das Land, für Europa und die Welt als notwendig erachtet habe, sagte der letzte Staatschef der Sowjetunion in einem Interview der Nachrichtenagentur AP 1992. Dabei gehörte der Vater von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) zu den Schlüsselprotagonisten eines globalen Dramas, das viele für unmöglich gehalten hatten – und jenen, die es hautnah erlebten, fast surreal vorkam.

Unter Gorbatschow fiel die Berliner Mauer, kamen Tausende politische Häftlinge frei und Millionen Menschen, die lediglich den Kommunismus gekannt hatten, in den ersten Genuss von Freiheit. Doch während er im Ausland als mutiger Reformer geachtet und geehrt wurde, galt er nicht wenigen in seiner Heimat als Totengräber der Sowjetunion.

Karriere endete schmachvoll

Gorbatschows Karriere endete schmachvoll. Ein Putschversuch im August 1991 leitete seinen Machtverlust ein, von seinem Büro sah er in den letzten Monaten seiner Amtszeit zu, wie sich eine Sowjetrepublik nach der anderen für unabhängig erklärte. Am 25. Dezember 1991 trat er als Präsident der Sowjetunion zurück, tags darauf existierte der bis dato größte sozialistischen Staat der Welt nicht mehr.

25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion sagte Gorbatschow der AP, dass er damals nicht an den Einsatz von Gewalt gedacht habe, um das Riesenreich zusammenzuhalten. Denn sonst wäre Chaos in dem Atomstaat ausgebrochen. „Das Land war bis zum Rand mit Waffen beladen. Und es hätte das Land unmittelbar in einen Bürgerkrieg gestürzt“, sagte Gorbatschow.

Wenig in seiner Kindheit deutete auf seine spätere Bedeutung hin. Geboren wurde Michail Sergejewitsch Gorbatschow am 2. März 1931 im Dorf Priwolnoje im Süden Russlands. Seine Großväter waren Bauern, Vorsteher von Kolchosen und Mitglieder der Kommunistischen Partei, ebenso sein Vater. Trotz ihrer Verbindungen zur Partei gingen die Schrecken der Herrschaft von Diktator Josef Stalin nicht an der Familie Gorbatschows vorüber: Beide Großväter wurden verhaftet und wegen angeblicher antisowjetischer Aktivitäten interniert.

Ungewöhnliche Ehrung für 17-Jährigen

Doch kamen beide letztlich frei. 1941 zog Gorbatschows Vater wie die meisten Männer in Priwolnoje in den Krieg – und kehrte als einer der wenigen nach dessen Ende 1945 zurück. Der 15-jährige Gorbatschow half seinem Vater nach der Schule beim Mähdreschen. Zwei Jahre später wurde dem Jungen für seine Leistung der Orden des Roten Banners der Arbeit verliehen, was als ungewöhnliche Ehrung für einen 17-Jährigen galt. Dank der Auszeichnung und Parteizugehörigkeit der Eltern fand er 1950 Aufnahme in die Lomonossow-Universität in Moskau.

Dort lernte er seine Frau Raissa kennen und trat der Kommunistischen Partei bei. In der Partei sei er als Querdenker aufgestiegen, schrieb Gorbatschow später in seinen Memoiren. Auch deutliche Kritik an dem Sowjet-System und dessen Führung habe er sich mitunter erlaubt. Die Frühphase seiner Politkarriere fiel mit dem „Tauwetter“ zusammen, das nach Stalin unter Nikita Chruschtschow einsetzte.

Als Propaganda-Funktionär der Partei hatte der junge Gorbatschow auch die Aufgabe, lokale Parteiaktivisten über den 20. Parteikongress zu informieren, bei dem millionenfache Verbrechen Stalins offengelegt worden waren. Seine Zuhörer hätten damals mit „tödlichem Schweigen“, und dann mit Ungläubigkeit reagiert, erinnerte er sich 2006 in einem Gespräch mit der AP. „Sie sagten: ,Wir glauben das nicht. Es kann nicht sein. Ihr wollt Stalin die ganze Schuld geben, nun da er tot ist.’“

1971 wurde Gorbatschow in das mächtige Zentralkomitee der Partei gewählt, 1978 übernahm er die Verantwortung für die sowjetische Agrarpolitik. Ab 1980 war Gorbatschow Vollmitglied des Politbüros.

Auslandsreisen hatten nachhaltige Wirkung

Während seiner Laufbahn konnte er den Westen bereisen und etwa die Bundesrepublik Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und Kanada besuchen. Die Auslandsreisen hatten eine nachhaltige Wirkung auf sein Denken und erschütterten seinen Glauben an die Überlegenheit des Sozialismus sowjetischer Prägung.

„Die Frage verfolgte mich: Wieso war der Lebensstandard in unserem Land niedriger als in den anderen entwickelten Ländern?“, schrieb Gorbatschow in seinen Memoiren. „Es hatte den Anschein, dass unsere in die Jahre gekommenen Anführer nicht sonderlich besorgt über unsere unbestreitbar niedrigen Lebensstandards, unseren unzulänglichen Lebensstil und unser Zurückfallen im Feld moderner Technologien waren.“

Doch war Gorbatschows Zeit noch nicht gekommen. Nach dem Tod von Staatsoberhaupt Leonid Breschnew 1982 folgten zwei andere greise Generalsekretäre der Kommunistischen Partei: Juri Andropow, der Mentor Gorbatschows, und Konstantin Tschernenko. Erst im März 1985, als Tschernenko starb, fiel die Wahl für die Führung der Sowjetunion auf den mit damals 54 Jahren vergleichsweise jungen Gorbatschow.

Amtszeit begann holprig

Seine Amtszeit begann holprig. Höchst umstritten war etwa sein als unausgegoren kritisierter Vorstoß für ein Alkoholverbot, auch den militärischen Rückzug der Sowjets aus Afghanistan und den Umgang mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 musste er verantworten.

Für internationale Schlagzeilen sorgte jedoch zugleich eine Serie von Gipfeltreffen von Gorbatschow und wichtigen Staatenlenkern, etwa den US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush. Die Treffen führten zu Verträgen für eine beispiellose nukleare Abrüstung der USA und der Sowjetunion. Bald wurde der energisch auftretende Gorbatschow zu einer dominanten Figur auf der Weltbühne, sein markantes Feuermal auf Stirn machte ihn unverwechselbar. 1990 bekam Gorbatschow für seine Verdienste um das Ende des Kalten Krieges den Friedensnobelpreis. Eine wichtige öffentliche Rolle nahm auch seine Frau Raissa ein, die sich damit von den Ehepartnerinnen früherer Sowjetanführer absetzte.

Glasnost und Perestroika

Im Inneren strebte Gorbatschow nicht die Demontage der Sowjetunion an, sondern eine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Durch Glasnost, also Öffnung, wollte er zu einer Perestroika (Umgestaltung) gelangen und damit die politische und wirtschaftliche Stagnation beenden. Als er ans Werk ging, führte ein Schritt zum nächsten. Er ließ offene Debatten und Mehrparteienwahlen zu, erlaubte Staatsbürgern das freie Reisen, unterband religiöse Unterdrückung und näherte sich an den Westen an.

Den Niedergang der sowjetischen Wirtschaft konnte Gorbatschow indes nicht aufhalten. Die Hyperinflation brachte ältere Menschen um ihre Ersparnisse, Fabriken machten dicht, vor Läden standen unzählige Menschen für Brot Schlange. Lange unterdrückte ethnische Spannungen flammten auf, in Brennpunkten wie der südlichen Kaukasusregion kam es zu Unruhen. Streiks und Arbeitskämpfe folgten auf einen rasanten Anstieg der Preise und Engpässen bei Verbrauchsgütern. Verbündete wandten sich gegen Gorbatschow, allen voran sein früherer Schützling Boris Jelzin, der Russlands erster Präsident wurde.

Scharfe Kritik an russischer Invasion

Oft werde er gefragt, ob er den ganzen Reformprozess wieder starten würde, sagte Gorbatschow 1992. „Ja, in der Tat. Und mit mehr Hartnäckigkeit und Entschlossenheit.“

Nach seinem Abschied aus der Politik kümmerte sich Gorbatschow unter anderem um seine Stiftung und kommentierte das Weltgeschehen. Die russische Invasion der Ukraine kritisierte er scharf. Gorbatschow starb am Dienstag nach langer Krankheit, wie das Zentrale klinische Krankenhaus in Moskau mitteilte. Er wurde 91 Jahre alt.

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