Christine Bergmann, 72, seit März 2010 Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung.
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FRAGE:
Sie scheiden am 31. Oktober als Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung aus dem Amt. War die Arbeit so, wie Sie es sich vorgestellt haben?
BERGMANN
: Uns wurde viel Vertrauen entgegengebracht natürlich mit der Erwartung, dass es sich entsprechend niederschlägt. Wir haben rund 20 000 Anrufe und Briefe bekommen. Das sind so viele Einzelschicksale.
FRAGE:
Gibt es Briefe, die Sie besonders berührt haben?
BERGMANN
: Ja, zum Beispiel die Fälle, bei denen das Vertrauen der Kinder missbraucht wird gerade beim Missbrauch in Familien. Menschen, die von den Kindern geliebt werden, suggerieren ihnen, dass in Ordnung ist, was hier passiert. Die Kinder wollen das nicht, aber sie finden aus dem Kreislauf aus Scham und Angst nicht heraus und bekommen keine Hilfe. Im institutionellen Bereich ist es die Fassungslosigkeit darüber, über wie viele Jahre Missbrauch vertuscht und Täter geschützt wurden. Das passiert heute noch, dass die, die aufdecken, beschimpft werden und ihnen gesagt wird, sie hätten doch wenigstens schweigen können.
FRAGE:
Sind Sie persönlich mit Ihrer Arbeit zufrieden?
BERGMANN
: Das ist ein so breites Feld, da kann man nie ganz zufrieden sein. Überall, wo wir hingesehen haben, haben wir neue Baustellen entdeckt. Zum Beispiel das schlimme Thema rituelle Gewalt. Hierbei geht es um sexuellen Missbrauch in Psychosekten oder pseudoreligiösen Sekten, in denen stark mit Gehirnwäsche gearbeitet wird. Oder die Themen Missbrauch unter Kindern und Jugendlichen, Missbrauch von Menschen mit Behinderungen oder mit Migrationshintergrund. Auch die Fälle aus den DDR-Heimen müssen aufgearbeitet werden.
FRAGE:
Was muss sich ändern, um sexuellen Missbrauch zu verhindern?
BERGMANN
: Mein Credo lautet: Alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen Bescheid wissen. Die Fachkräfte müssen wissen, was sie in einem Verdachtsfall tun. Es darf keiner sagen wie wir es durchaus schon gehört haben: ,Wir brauchen so etwas nicht, weil es das bei uns nicht gibt. Wir haben gelernt: Sexueller Missbrauch passiert nicht in den Ecken, von denen man sagt, da passiert sowieso alles. Es sind durchaus renommierte Einrichtungen betroffen. Es sind ehrenwerte Lehrer, Trainer und Priester, die Kinder missbrauchen. Und es sind vor allem viele Kinder in den Familien betroffen.