MOORHAUSEN/STRESOW - Diesen Tag werden Kerstin und Fred Wachsmuth wohl nie vergessen. Am 15. November 1989 – sechs Tage nach dem Fall der Mauer – sind die beiden aus der DDR ausgereist. Von Stresow aus, einem Ort in Sachsen-Anhalt, ging es über Hannover und Mellendorf nach Moorhausen in die Wesermarsch. Hier sind die Wachsmuths seit dem 3. Oktober 2003 zu Hause. „Wir fühlen uns hier sehr wohl. Unsere alte Heimat vermissen wir nicht“, sagen Kerstin und Fred Wachsmuth, die neben den vielen netten Nachbarn auch die Landschaft der grünen Wesermarsch sehr zu schätzen wissen.
Doch zurück zum Jahr 1989, dem Jahr, das die Welt veränderte. Fred Wachsmuth, Schäfer in der 14. Generation, hatte aus wirtschaftlicher Sicht eigentlich nicht viel auszustehen. „Ich habe als Schäfer in der DDR besser verdient als ein Chefarzt – nur die Freiheit habe ich vermisst“, blickt der inzwischen 49-Jährige zurück. Im August stellten die Wachmuths, ihre beiden Kinder waren damals gerade vier und neun Jahre alt, den Ausreiseantrag – mit allen Konsequenzen. „Es wurden uns jede Menge Steine in den Weg gelegt. Von der Gefängnisandrohung bis zum Entzug der Kinder“, blickt Fred Wachsmuth im Gespräch mit der NWZ zurück.
Den 9. November 1989 werden die beiden nicht vergessen: „Wir saßen auf gepackten Koffern vor dem Fernseher, als die Mauer fiel – und konnten es nicht glauben“, sagt Kerstin Wachsmuth. Der ganze Ärger, der unglaubliche bürokratische Aufwand – jedes Formular musste in acht Ausfertigungen ausgefüllt werden – wäre angesichts des Mauerfalls nicht nötig gewesen.
In den Westen zogen die Wachsmuths dennoch – am 15. November 1989, wie auf dem Ausreisebescheid vorgesehen – und mit der DDR haben sie abgeschlossen. „Es ist gut, dass der Unrechtsstaat DDR auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist“, sagt Fred Wachsmuth, der die politische Entwicklung in den neuen Ländern zum Teil mit großer Skepsis beobachtet. „So mancher Stasi-Peiniger ist wieder in wichtige Funktionen gelangt, sogar auf Landtagsebene.“
Den kommenden Sonntag werden die Deichschäfer ruhig angehen. „Ich werde mich um meine Schafe kümmern – und Kerstin braucht keinen Sekt, sondern eher was Heißes. Sie muss eine Erkältung auskurieren“, sagt Fred Wachsmuth.
